Frühmorgens, koordiniert, präzise – und mit einem Ziel: das Herz eines der mächtigsten kriminellen Netzwerke Südfrankreichs zu treffen. Die Justizoperation mit dem Namen „Octopus“ markiert einen neuen Abschnitt im Kampf gegen die sogenannte DZ Mafia, deren Einfluss in Marseille seit Jahren wächst.
Die Bilanz der Aktion, die Anfang der Woche in mehreren Départements im Süden Frankreichs stattfand, liest sich eindrucksvoll. Insgesamt 42 Personen gerieten ins Visier der Ermittler. Am Ende landeten 26 von ihnen vor einem Untersuchungsrichter. Fünfzehn sitzen inzwischen in Untersuchungshaft, elf weitere stehen unter strenger gerichtlicher Aufsicht.
Ein Schlag, der tief in die Struktur der Organisation hineinreicht.
Unter den Festgenommenen befinden sich laut Staatsanwaltschaft drei mutmaßliche Führungspersonen des Netzwerks. Besonders bemerkenswert: Auch ein Anwalt aus Lyon taucht in der Liste der Beschuldigten auf. Ihm werfen die Ermittler vor, als eine Art Kommunikationskanal fungiert zu haben – zwischen inhaftierten Drahtziehern und ihren Helfern draußen.
So etwas klingt fast wie aus einer Gangster-Serie, ist aber bitterer Alltag im Kampf gegen organisierte Kriminalität.
Die Operation zielte bewusst nicht nur auf die sichtbaren Akteure der Szene. Vielmehr konzentrierten sich die Ermittler auf die organisatorische und finanzielle Architektur der Gruppierung. Genau dort vermuten sie die eigentliche Macht der DZ Mafia.
Denn dieses Netzwerk beschränkt sich längst nicht mehr auf den klassischen Straßenhandel mit Drogen. In den vergangenen Jahren hat sich ein weit verzweigtes System entwickelt. Neben dem Drogenhandel gehören auch Schutzgelderpressung, Erpressung von Geschäftsleuten sowie Geldwäsche über Firmenstrukturen zum Repertoire.
Ein Teil der illegalen Gewinne floss offenbar in Immobilien oder Investitionen im Ausland. Gleichzeitig sollen luxuriöse Autovermietungen genutzt worden sein, um Bargeld aus dem Drogengeschäft zu „reinigen“. Bei den Durchsuchungen stellten Ermittler mehrere hochpreisige Fahrzeuge sowie Immobilienwerte sicher. Insgesamt geht es um Vermögenswerte in Millionenhöhe.
Die DZ Mafia entstand ursprünglich in den nördlichen Vierteln von Marseille – jenen Stadtteilen, die seit Jahren als Brennpunkte des Drogenhandels gelten. Von dort aus entwickelte sich das Netzwerk zu einem zentralen Akteur des sogenannten Narcobanditismus.
Besonders brutal zeigte sich dieser Machtkampf während der blutigen Auseinandersetzungen mit dem rivalisierenden Yoda-Clan. Zahlreiche tödliche Abrechnungen erschütterten damals die Hafenstadt.
Dass die Gruppe tief in Marseille verwurzelt ist, bestätigt auch ein Detail der aktuellen Ermittlungen: Zwanzig der 26 Beschuldigten stammen aus Marseille oder dem Département Bouches-du-Rhône.
Doch es gibt auch Überraschungen. Sechs der Festgenommenen waren bislang völlig unbekannt für Polizei und Justiz. Keine Vorstrafen, keine polizeilichen Einträge – gewissermaßen Schattenfiguren im Hintergrund.
Für die Ermittler zeigt das, wie flexibel sich solche Netzwerke organisieren.
Der strategische Ansatz der Justiz zielt nun darauf ab, das System von oben zu zerschlagen. Die mutmaßlichen Anführer gelten als besonders gefährlich, nicht zuletzt, weil einige von ihnen ihre Geschäfte selbst aus dem Gefängnis heraus weiter gesteuert haben sollen.
Ob der große Schlag tatsächlich langfristige Wirkung entfaltet, bleibt offen.
Kriminelle Strukturen dieser Art besitzen eine erstaunliche Fähigkeit zur Regeneration. Wird ein Kopf abgeschlagen, wächst oft ein neuer nach.
Marseille kennt diese Dynamik nur zu gut.
Von C. Hatty