Ein halbes Jahrhundert ist vergangen. Und doch ist der Schmerz der Angehörigen noch greifbar, fast wie am ersten Tag. Am 26. Mai 2025 begannen im Wald von Rouvray erneut Grabungen – auf der Suche nach den verschollenen Opfern des Serienmörders Émile Louis.
Ein Schatten über der Yonne
Er wurde der „Schlächter der Yonne“ genannt. Émile Louis, Busfahrer, Familienvater – und Mörder. Zwischen 1975 und 1979 verschwanden sieben junge Frauen spurlos. Alle stammten aus Heimen der französischen Jugendhilfe DDASS. Alle litten an geistigen Behinderungen. Und alle, so stellte sich später heraus, fielen einem Mann zum Opfer, dem man nie solche Taten zugetraut hätte.
2004 wurde Louis schließlich zu lebenslanger Haft verurteilt. Doch von den sieben jungen Frauen, deren Ermordung ihm nachgewiesen wurde, konnten nur zwei Leichen geborgen werden. Die übrigen – bis heute verschwunden.
Warum jetzt – warum wieder?
2018 brachte ein grausiger Fund Bewegung in den Fall: Eine menschliche Schädeldecke, eindeutig identifiziert als Überrest von Marie-Jeanne Ambroisine Coussin. Sie verschwand im Jahr 1975. Die Ermittlungen wurden wieder aufgenommen – und das mediale Interesse ebenfalls.
2024 durchkämmten Ermittler erneut den Wald von Rouvray. Man fand Kleidungsstücke, Überreste von Stoffen – doch keine Knochen, keine Identität, keine Gewissheit. Für die Familien: ein weiteres Kapitel voller Hoffnung und Enttäuschung.
Und trotzdem – sie gaben nicht auf.
Hartnäckigkeit der Angehörigen zahlt sich aus
Es war der unermüdliche Druck der Familien, unterstützt von engagierten Opferverbänden, der die Justiz dazu bewegte, erneut aktiv zu werden. Der Staatsanwalt von Auxerre ordnete neue Ausgrabungen an. Diesmal geht es um einen besonders schwer zugänglichen, sumpfigen Teil des Waldes – genau dort, wo Émile Louis selbst einmal angegeben hatte, Leichen vergraben zu haben.
Wie belastbar seine Aussagen waren? Darüber streiten Experten bis heute. Doch in einem Fall, der von Anfang an voller Versäumnisse, Vertuschungen und Ignoranz war, zählt jede noch so kleine Spur.
Ein Skandal mit tiefen Wurzeln
Der Fall ist längst mehr als eine grausame Mordserie. Er steht symbolisch für das Versagen ganzer Institutionen: Polizei, Jugendhilfe, Justiz. Jahrzehntelang wurden die Warnungen von Sozialarbeitern überhört. Hinweise ignoriert. Angehörige belächelt. Dass Émile Louis erst 25 Jahre nach den ersten Morden überführt wurde, bleibt ein dunkler Fleck auf der französischen Justizgeschichte.
Und was ist mit den fünf anderen Mädchen? Sind sie wirklich „nur“ verschwunden? Oder gibt es sogar noch mehr Opfer, von denen nie jemand sprach? Die Familien stellen sich diese Fragen seit Jahrzehnten – und verdienen endlich Antworten.
Der Wald spricht (vielleicht) bald
Der Wald von Rouvray ist heute ein Ort des Schweigens. Vögel zwitschern, das Licht fällt durch die Baumkronen – und darunter gräbt ein Bagger. Es ist paradox: Ein friedlicher Ort, in dem möglicherweise grausige Geheimnisse verborgen liegen. Was wird man diesmal finden? Kleidung? Knochen? Oder wieder nur neue Rätsel?
Man kann die Spannung greifen – bei Ermittlern wie Angehörigen. Ein Ermittler am Rand des Grabungsfelds sagte: „Wir haben noch Hoffnung. Und wir haben ein Versprechen zu halten.“ Vielleicht ist es genau das, was alle antreibt: der Wunsch, das Unrecht nicht einfach begraben zu lassen.
Gerechtigkeit braucht Ausdauer
Es ist eine Geschichte von Trauer, Ohnmacht – aber auch von Stärke und Entschlossenheit. Die neuen Grabungen sind kein einfacher Akt der Spurensicherung. Sie sind ein Zeichen. An die Täter, an die Gesellschaft, an die Opfer: Wir haben euch nicht vergessen.
Und genau das ist es, was zählt.
Von C. Hatty