Es ist ein stiller Park oberhalb der Garonne, ein Ort, an dem Spaziergänger normalerweise Luft holen, den Blick schweifen lassen, den Kopf frei bekommen. Am 29. Januar jedoch endet ein solcher Spaziergang im Parc de l’Ermitage in Lormont mit einem Schock, der weit über die Region hinaus nachhallt. Ein Mann entdeckt dort den leblosen Körper einer 16-jährigen Schülerin. Es ist Tyah, mit vollem Namen Hatyce Tyah Halidi Selemani, seit Mitte Januar vermisst.
Die Staatsanwaltschaft von Bordeaux teilt kurz darauf mit, dass das Mädchen erhängt aufgefunden wurde. Eine Autopsie soll klären, was genau in den Tagen zwischen ihrem Verschwinden und dem Fund geschehen ist. Noch herrscht Zurückhaltung, die Ermittlungen laufen, jedes Wort wird abgewogen. Doch für Familie, Freunde und Mitschülerinnen ist bereits jetzt nichts mehr wie zuvor.
Tyah war Schülerin der Première am Lycée Pape-Clément in Pessac. Am 12. Januar kehrte sie mittags nach Hause zurück, um zu essen. Danach verliert sich ihre Spur. Sie erscheint am Nachmittag nicht mehr im Unterricht. Für die Familie beginnt ein banges Warten, erst Stunden, dann Tage. Die Polizei reagiert, veröffentlicht am 20. Januar einen Zeugenaufruf, setzt Drohnen ein, wertet Videoaufnahmen aus, schickt Suchtrupps in mehrere Viertel der Metropolregion. Sogar Spürhunde kommen zum Einsatz.
Zwischendurch gibt es Hinweise, die Hoffnung schüren und zugleich verwirren. Tyahs Handy wird im Bordelaiser Stadtteil Bacalan geortet, dann ausgeschaltet. Ein Punkt auf der Karte, der Fragen aufwirft und keine Antworten liefert. Die Tage ziehen sich, die Ungewissheit frisst sich in den Alltag der Angehörigen.
Nach dem Fund der Leiche sprechen Familienmitglieder erstmals offen über das, was Tyah offenbar belastet hat. Von schulischem Druck ist die Rede, von Spannungen und von Mobbing, das sich in den Wochen vor ihrem Verschwinden zugespitzt habe. Die Mutter berichtet von einem Gespräch mit der Schulkrankenschwester im Dezember, bei dem erstmals von konkreten Problemen die Rede gewesen sei. Tyah selbst habe sich einer Freundin anvertraut, habe gesagt, sie halte das kaum noch aus, wenn sich nichts ändere.
Wer Tyah kannte, beschreibt sie als ein stilles, eher zurückhaltendes Mädchen. Fleißig, engagiert, mit klaren Zukunftsplänen, besonders im sprachlichen Bereich. Kein rebellischer Teenager, eher jemand, der viel in sich hineinfrisst. Gerade dieser Gegensatz zwischen dem Bild einer zielstrebigen Schülerin und dem tragischen Ende lässt viele ratlos zurück. Man fragt sich unweigerlich, wo man früher hätte hinschauen müssen.
Die Familie erhebt schwere Vorwürfe gegen die Schule, spricht von fehlender Sorgfalt und mangelnder Konsequenz nach den gemeldeten Vorfällen. Das Rektorat der Académie de Bordeaux widerspricht teilweise, betont, Tyah habe Unterstützung erhalten, kündigt aber zugleich eine interne Untersuchung an. Auch das gehört zur Wahrheit dieses Falls: Aussagen stehen einander gegenüber, während die Fakten noch sortiert werden.
Am Lycée Pape-Clément ist inzwischen eine psychologische Betreuung eingerichtet worden. Schülerinnen, Lehrer, Mitarbeitende – viele stehen unter Schock. Mobile Sicherheitsteams begleiten den Schulalltag, zumindest vorerst. Es ist der Versuch, Stabilität herzustellen, wo plötzlich alles brüchig wirkt.
Juristisch bleibt der Fall offen. Die Ergebnisse der Autopsie sollen Aufschluss über Todeszeitpunkt und Umstände geben. Gesellschaftlich wirft der Tod von Tyah jedoch schon jetzt ein grelles Licht auf ein Thema, das viele lieber verdrängen: das stille Leid von Jugendlichen, das oft erst dann sichtbar wird, wenn es zu spät ist. Und man denkt unweigerlich: Hätte jemand früher genauer hingehört, genauer hingeschaut, vielleicht einen anderen Ausgang ermöglicht?
Autor: Daniel Ivers