Frankreich

Die digitalen Spuren des Jordan Bardella: Was Mediapart tatsächlich vorgelegt hat

Die Affäre um mutmasslich antisemitische Äusserungen Jordan Bardellas hat eine neue Dimension erreicht. Nachdem der Vorsitzende des Rassemblement National die ersten Enthüllungen von Mediapart als Fälschungen zurückgewiesen hatte, veröffentlichte das französische Investigativmedium am Donnerstag, dem 1. Oktober, erstmals ausführlich jene Dokumente und technischen Indizien, auf die es seine Recherchen stützt. Im Mittelpunkt stehen Messenger-Unterhaltungen aus…

Illustration Nachrichten.fr
KI-Illustration

Die Affäre um mutmasslich antisemitische Äusserungen Jordan Bardellas hat eine neue Dimension erreicht. Nachdem der Vorsitzende des Rassemblement National die ersten Enthüllungen von Mediapart als Fälschungen zurückgewiesen hatte, veröffentlichte das französische Investigativmedium am Donnerstag, dem 1. Oktober, erstmals ausführlich jene Dokumente und technischen Indizien, auf die es seine Recherchen stützt. Im Mittelpunkt stehen Messenger-Unterhaltungen aus den Jahren 2013 und 2014, von Meta bereitgestellte Nutzerdaten, die Feststellung eines Gerichtsvollziehers sowie E-Mails und biografische Details.

Damit hat sich der Charakter der Auseinandersetzung verändert. Es geht nicht mehr allein um die Glaubwürdigkeit anonymer Quellen oder um leicht manipulierbare Bildschirmaufnahmen. Zur Debatte steht nun, wie belastbar eine digitale Beweiskette sein kann – und ob sie tatsächlich zu Bardella führt. Dieser bestreitet die Urheberschaft weiterhin kategorisch.

Zwei voneinander unabhängige Quellen

Die Recherche von Mediapart begann nach Angaben des Mediums bereits im Frühjahr 2026. Die Journalisten führten Gespräche mit 18 Personen und werteten Dutzende schriftliche Unterhaltungen aus.

Von besonderer Bedeutung sind Messenger-Konversationen aus den Jahren 2013 und 2014. Sie stammen nach Darstellung der Redaktion von zwei Personen, die damals zum Umfeld Bardellas gehörten. Mediapart betont, dass die beiden Quellen nicht miteinander verbunden seien.

Diese Trennung ist journalistisch relevant. Zwei voneinander unabhängige Datensätze können das Risiko reduzieren, dass eine gesamte Recherche auf einer einzelnen Quelle mit eigenen Interessen oder fehlerhaften Erinnerungen beruht.

Doch auch zwei Quellen beantworten noch nicht die entscheidende Frage: Sind die Nachrichten authentisch – und wer hat sie geschrieben?

Der entscheidende Schritt führt zu Meta

Genau hier setzt die am Donnerstag veröffentlichte Dokumentation an.

Eine der Quellen von Mediapart forderte über die dafür vorgesehene Funktion bei Facebook eine Kopie ihrer gespeicherten Nutzerdaten an. Solche Datenexporte enthalten unter anderem ältere Kommunikationsverläufe. In diesem Datensatz befand sich nach Darstellung des Mediums auch die fragliche Messenger-Konversation.

Entscheidend ist der Unterschied zu einem gewöhnlichen Screenshot. Eine Bildschirmaufnahme zeigt lediglich, was zu einem bestimmten Zeitpunkt auf einem Bildschirm dargestellt wurde. Sie lässt sich vergleichsweise einfach bearbeiten.

Ein von der Plattform erzeugter Datenexport besitzt eine andere Qualität. Nach Darstellung von Mediapart liess sich damit feststellen, wann die Unterhaltung stattgefunden hatte, dass sie nicht nachträglich verändert worden war und dass Facebook beziehungsweise Meta den Gesprächspartner unter dem Namen «Jordan Bardella» führte.

Die Extraktion wurde zudem durch einen Gerichtsvollzieher dokumentiert.

Das ist allerdings keine gerichtliche Feststellung darüber, dass Bardella persönlich jede einzelne Nachricht geschrieben hat. Ein Gerichtsvollzieher kann die Herkunft und den Zustand eines vorgelegten Datensatzes feststellen. Die Identität der Person hinter einem Benutzerkonto muss dagegen durch zusätzliche Indizien geklärt werden.

Genau deshalb ist der nächste Teil der Recherche von Bedeutung.

Biografische Details als digitaler Fingerabdruck

Mediapart versucht die Verbindung zwischen dem Facebook-Konto und dem heutigen RN-Vorsitzenden anhand von Informationen herzustellen, die innerhalb der Gespräche auftauchen.

Der Gesprächspartner erwähnt demnach mehrere Details aus seinem persönlichen Leben. Dazu gehören die italienische Herkunft seiner Mutter, ein Interview, das Bardella 2013 der Zeitung «Le Parisien» gegeben hatte, sowie sein Scheitern bei der Aufnahmeprüfung für Sciences Po.

Hinzu kommen weitere Angaben über Aktivitäten aus jener Zeit. Ende 2013 richtete Bardella zudem ein neues Facebook-Profil ein, das stärker auf seine beginnende politische Tätigkeit ausgerichtet gewesen sein soll.

Keines dieser Elemente wäre für sich allein zwingend. Zusammengenommen sollen sie jedoch einen biografischen Fingerabdruck ergeben: Der Nutzer des Kontos beschreibt ein Leben, das in mehreren überprüfbaren Punkten mit Bardellas damaliger Biografie übereinstimmt.

Dass Mediapart nach eigenen Angaben einen zweiten, unabhängigen Messenger-Datensatz ausgewertet hat, soll diese Zuordnung zusätzlich absichern.

Was in den Nachrichten steht

Politisch brisant ist der Inhalt der Nachrichten. Sie stammen überwiegend aus dem Jahr 2013, als Bardella 17 beziehungsweise 18 Jahre alt war und am Beginn seines Engagements beim damaligen Front National stand.

In einer der ihm zugeschriebenen Nachrichten wird behauptet, sämtliche Banken befänden sich im Besitz von Juden. Weitere Passagen verbinden Juden beziehungsweise den Zionismus mit angeblicher Kontrolle des internationalen Finanzsystems und einer vermeintlichen globalen Machtordnung.

In den Unterhaltungen finden sich nach der Recherche zudem positive Bezugnahmen auf Alain Soral. Der französisch-schweizerische Publizist gehört seit Jahren zu den bekanntesten Verbreitern antisemitischer und verschwörungsideologischer Vorstellungen im französischsprachigen Raum.

Bardella soll geschrieben haben, Sorals Analysen seien zutreffend, weil sie sich durch die Tatsachen bestätigten. An anderer Stelle ist von einer vermeintlichen Unterwerfung Frankreichs unter eine «zionistische Logik» die Rede.

Weitere von Mediapart dokumentierte Gespräche behandeln Verschwörungserzählungen über den Mossad, die Anschläge vom 11. September 2001 oder die Vorstellung, Marine Le Pen könne nach einer Machtübernahme Opfer eines inszenierten Anschlags oder Unfalls werden.

Der Vorwurf beruht damit nicht auf einer einzigen Äusserung. Mediapart beschreibt vielmehr ein über mehrere Gespräche verteiltes Muster antisemitischer und verschwörungsideologischer Aussagen.

E-Mails als zusätzliche Indizien

Neben Messenger-Daten hat die Redaktion E-Mails ausgewertet. Nach eigenen Angaben konnte Mediapart zwei damals von Bardella verwendete E-Mail-Adressen identifizieren. Eine davon wurde unter anderem mit einer Mitgliederdatei der Jugendorganisation des Front National aus dem Jahr 2012 abgeglichen.

Von besonderem Interesse sind dabei Nachrichten über Alain Soral.

Mediapart dokumentiert unter anderem eine E-Mail aus dem Februar 2014, in der ein damaliger FN-Verantwortlicher in Seine-Saint-Denis Bardella und einem weiteren Aktivisten eine digitale Ausgabe eines Gesprächsbuches von Soral und Éric Naulleau zusandte. Der Absender bestätigte gegenüber dem Medium, die entsprechende Nachricht geschrieben zu haben.

Auch dieses Dokument beweist für sich genommen keine politische Überzeugung. Ein Buch anzufordern oder zu lesen bedeutet nicht automatisch, dessen Thesen zu teilen.

Im Zusammenhang mit den Messenger-Unterhaltungen erhält die E-Mail jedoch eine andere Funktion: Sie dient Mediapart als zusätzliches Indiz dafür, dass die dort auftauchenden Bezüge auf Soral in das damalige Umfeld und die Interessen des jungen Aktivisten passen.

Was bewiesen ist – und was nicht

Gerade bei einer politisch derart aufgeladenen Affäre ist die Unterscheidung zwischen technischer Authentifizierung und endgültiger juristischer Feststellung entscheidend.

Die von Mediapart präsentierte Argumentation besteht aus mehreren Ebenen: Daten werden direkt über Facebook beziehungsweise Meta abgerufen; die Extraktion wird dokumentiert; das Konto trägt Bardellas Namen; die Gespräche enthalten überprüfbare biografische Angaben; eine zweite Quelle liefert weiteres Material; E-Mails und Zeugenaussagen ergänzen die Rekonstruktion.

Das ist wesentlich mehr als eine Sammlung anonymer Screenshots.

Dennoch ersetzt diese journalistische Beweiskette kein gerichtliches Verfahren. Ob die Dokumente juristisch zweifelsfrei Bardella zugerechnet werden können und welche forensischen Prüfungen dafür erforderlich wären, ist damit nicht abschliessend entschieden.

Bardella bestreitet weiterhin ausdrücklich, die Nachrichten geschrieben zu haben. Nach der Veröffentlichung vom Donnerstag bezeichnete er die vorgelegten Elemente als «Pseudo-Beweise» und sprach von groben Montagen sowie manipulierbaren Bildschirmaufnahmen. Zusätzlich zu seinem Vorgehen wegen Verleumdung kündigte er rechtliche Schritte wegen Fälschung und Gebrauch gefälschter Dokumente an.

Damit stehen inzwischen zwei klar gegensätzliche Darstellungen nebeneinander.

Für Bardella handelt es sich um gefälschtes Material und eine politische Kampagne gegen ihn. Mediapart wiederum argumentiert, gerade die nun offengelegte Rekonstruktion widerlege den Vorwurf, die Recherche beruhe lediglich auf manipulierten Screenshots.

Die politische Bedeutung reicht über Bardellas persönliche Vergangenheit hinaus. Marine Le Pen versucht seit Jahren, den Rassemblement National vom antisemitischen Erbe des früheren Front National unter ihrem Vater Jean-Marie Le Pen zu distanzieren. Bardella verkörpert wie kaum ein anderer Politiker der Partei diesen Generationswechsel: jung, mediengewandt und ohne persönliche Verbindung zur Gründergeneration des FN.

Deshalb trifft die Affäre einen besonders empfindlichen Punkt der politischen Strategie des RN. Die entscheidende Frage lautet nun weniger, ob im Internet kompromittierende Bildschirmaufnahmen existieren. Entscheidend wird sein, ob Bardellas angekündigte juristische Schritte die von Mediapart rekonstruierte digitale Beweiskette erschüttern können – oder ob unabhängige technische beziehungsweise gerichtliche Prüfungen sie bestätigen.

Bis dahin bleibt eine wichtige Trennlinie bestehen: Mediapart hat seine journalistische Beweisführung erheblich konkretisiert. Ein rechtskräftiges gerichtliches Urteil über die Urheberschaft der Nachrichten ist das nicht.

C. Hatty

Ende des Artikels