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Die verdrängte Abhängigkeit: Europas Uranbedarf und Russlands stille Rolle im Hintergrund

Leserfrage: Warum spricht eigentlich nie jemand darüber, dass ein Großteil des notwendigen urans aus Russland kommt. Diese Abhängigkeit ist auch nicht besser als die von russischem Gas und Öl! In Frankreich oder Deutschland gibt es jedenfalls keine ausreichenden Mengen von Pechblende! Bitte machen Sie doch darüber einmal eine detaillierte Recherche! Die energiepolitische Debatte in Europa…

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Leserfrage: Warum spricht eigentlich nie jemand darüber, dass ein Großteil des notwendigen urans aus Russland kommt. Diese Abhängigkeit ist auch nicht besser als die von russischem Gas und Öl! In Frankreich oder Deutschland gibt es jedenfalls keine ausreichenden Mengen von Pechblende! Bitte machen Sie doch darüber einmal eine detaillierte Recherche!

Die energiepolitische Debatte in Europa ist seit dem russischen Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 von einem dominanten Motiv geprägt: der Abkehr von russischem Gas und Öl. Kaum ein politisches Schlagwort wurde häufiger bemüht als „Energiesouveränität“. Doch während die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen breit diskutiert und schrittweise reduziert wurde, bleibt ein anderer sensibler Bereich erstaunlich randständig: die Versorgung mit Uran und nuklearen Dienstleistungen. Die Leserfrage zielt auf einen wunden Punkt der europäischen Energiearchitektur – und verlangt nach einer differenzierten Einordnung.

Uran ist nicht gleich Uran: Rohstoff, Anreicherung, Brennelemente

Zunächst gilt es, begrifflich zu präzisieren. Wenn von „Uran aus Russland“ die Rede ist, sind verschiedene Stufen der nuklearen Wertschöpfungskette gemeint:

  1. Uranbergbau (Gewinnung von Natururan, häufig aus Pechblende oder anderen Erzen),
  2. Konversion (Umwandlung in Uranhexafluorid),
  3. Anreicherung (Erhöhung des Anteils des spaltbaren Isotops U-235),
  4. Brennelementefertigung.

Die weltweite Uranförderung ist geographisch breit gestreut. Zu den größten Produzenten zählen Kasachstan, Kanada und Australien. Russland selbst spielt beim reinen Uranabbau eine eher untergeordnete Rolle. Entscheidend ist jedoch ein anderer Faktor: Russlands dominierende Stellung bei der Urananreicherung. Der staatliche Konzern Rosatom kontrolliert rund 40 Prozent der globalen Anreicherungskapazitäten. Gerade in diesem technisch hochkomplexen Segment sind Alternativen nicht kurzfristig verfügbar.

Die Abhängigkeit besteht also weniger beim Erz – also der „Pechblende“ –, sondern bei der industriellen Verarbeitung.

Frankreichs Kernenergie – Unabhängig, aber nicht autark

Frankreich deckt rund zwei Drittel seines Strombedarfs aus Kernkraft. Der staatlich dominierte Energiekonzern EDF betreibt 56 Reaktoren. Das Land gilt deshalb als Musterbeispiel nuklearer Souveränität. Doch auch Frankreich verfügt über keine nennenswerten eigenen Uranvorkommen mehr. Der französische Bergbau wurde in den 1990er Jahren aus wirtschaftlichen Gründen eingestellt.

Stattdessen bezieht Frankreich Natururan vor allem aus Niger, Kasachstan und Usbekistan. Die frühere Kolonialverbindung zu Niger spielte lange eine zentrale Rolle, auch wenn politische Instabilität – zuletzt der Militärputsch 2023 – diese Lieferbeziehungen erschwert hat.

In der Weiterverarbeitung ist Frankreich jedoch besser aufgestellt als viele andere EU-Staaten. Mit dem Unternehmen Orano (ehemals Areva) verfügt das Land über eigene Kapazitäten in Konversion und Anreicherung, etwa in Tricastin. Dennoch griff auch Frankreich in der Vergangenheit punktuell auf russische Dienstleistungen zurück, insbesondere bei der Wiederaufarbeitung und beim Recycling.

Die französische Strategie ist somit eine Mischung aus Diversifikation und partieller Kooperation – keine völlige Unabhängigkeit.

Deutschlands Sonderfall nach dem Atomausstieg

Für Deutschland stellt sich die Lage anders dar. Mit dem endgültigen Atomausstieg im April 2023 ist der direkte Bedarf an angereichertem Uran entfallen. Gleichwohl existieren in Deutschland weiterhin Unternehmen entlang der nuklearen Lieferkette, darunter die Brennelementefabrik in Lingen (Niedersachsen) sowie die Urananreicherungsanlage in Gronau, die von Urenco betrieben wird – einem deutsch-britisch-niederländischen Gemeinschaftsunternehmen.

Diese Anlagen produzierten bis zuletzt auch für ausländische Reaktoren, darunter solche in Osteuropa. Teilweise gab es Kooperationen mit russischen Akteuren, was innenpolitisch umstritten war. Deutschland ist also nicht mehr energiepolitisch abhängig von russischem Uran, war aber industriell weiterhin in globale Lieferketten eingebunden.

Wie groß ist die russische Abhängigkeit wirklich?

Nach Daten internationaler Energieorganisationen importierten europäische Staaten vor 2022 rund 20 bis 25 Prozent ihrer Anreicherungsleistungen aus Russland. Bei Natururan lag der Anteil deutlich niedriger. Besonders betroffen waren Länder mit sowjetischer Reaktortechnologie, etwa Ungarn, Tschechien oder Bulgarien. Diese VVER-Reaktoren sind technisch auf spezifische Brennelemente ausgelegt, die traditionell von Rosatom geliefert wurden.

Seit Beginn des Ukrainekriegs bemühen sich die EU und die USA um Diversifizierung. Westinghouse und Framatome entwickeln alternative Brennelemente für osteuropäische Reaktoren. Die USA verhängten 2024 Importbeschränkungen für russisches angereichertes Uran, allerdings mit Übergangsregelungen bis 2028, um Versorgungsengpässe zu vermeiden.

In der EU ist die Lage komplexer. Anders als bei Gas existiert kein vollständiges Embargo gegen russische Nukleardienstleistungen. Mehrere Mitgliedstaaten – allen voran Ungarn – halten an Kooperationen mit Rosatom fest, etwa beim Bau neuer Reaktoren.

Vergleich mit Gas und Öl: Parallelen und Unterschiede

Die Leserfrage zieht eine Parallele zur Gas- und Ölabhängigkeit. Der Vergleich ist auf den ersten Blick plausibel, greift jedoch zu kurz.

Erstens: Der Anteil der Brennstoffkosten an den Gesamtkosten der Kernenergie ist relativ gering. Uran macht nur einen Bruchteil der Stromgestehungskosten aus. Selbst starke Preissteigerungen wirken sich daher weniger dramatisch aus als bei Gas.

Zweitens: Kernkraftwerke können Brennstoff für mehrere Jahre im Voraus einlagern. Gas hingegen muss kontinuierlich geliefert werden.

Drittens: Der globale Uranmarkt ist weniger volatil als der Gasmarkt. Zwar ist die Anreicherung ein Engpass, doch es existieren westliche Kapazitäten – etwa bei Urenco oder Orano –, die ausgebaut werden können.

Dennoch bleibt ein geopolitisches Risiko. Russlands Einfluss in der zivilen Nuklearindustrie ist Teil einer strategischen Außenpolitik. Rosatom bietet Komplettpakete an: Reaktorbau, Finanzierung, Brennstofflieferung und Entsorgung. Dies schafft langfristige Bindungen von 40 bis 60 Jahren – weit über die Laufzeit eines Gasvertrags hinaus.

Rohstoffsicherheit als strategische Frage

Die Diskussion über Uran offenbart ein generelles Problem europäischer Rohstoffpolitik. Die EU ist bei zahlreichen kritischen Materialien – von Lithium bis Seltenen Erden – stark importabhängig. Die Kommission reagierte 2023 mit dem „Critical Raw Materials Act“, der Diversifizierung und Recycling fördern soll. Uran fällt formal nicht darunter, weil es primär energiepolitisch behandelt wird.

Gleichzeitig investieren die USA massiv in neue Anreicherungskapazitäten, um die eigene Abhängigkeit von Russland zu reduzieren. Auch in Kanada und Australien werden Projekte reaktiviert.

Europa steht damit vor einer strategischen Entscheidung: Soll die Kernenergie langfristig eine tragende Säule bleiben, muss die Lieferkette resilient gestaltet werden. Andernfalls droht eine strukturelle Abhängigkeit, die politisch schwerer wiegen könnte als jene bei fossilen Energien.

Zwischen Realismus und Alarmismus

Die eingangs formulierte These, ein „Großteil des notwendigen Urans“ komme aus Russland, ist in dieser Pauschalität nicht korrekt. Beim Natururan ist Russland kein dominanter Lieferant für die EU. Bei der Anreicherung hingegen besitzt das Land eine bedeutende, teils systemrelevante Rolle.

Die Abhängigkeit ist real – aber sie unterscheidet sich strukturell von jener bei Gas und Öl. Sie ist technologischer Natur, weniger mengengetrieben, langfristiger angelegt und schwerer politisch zu mobilisieren.

Dass die Debatte weniger präsent ist, liegt nicht zuletzt daran, dass Kernenergie in Deutschland politisch weitgehend beendet wurde und in Frankreich als nationale Stärke gilt. Doch energiepolitische Souveränität endet nicht mit der Frage, ob ein Reaktor am Netz ist. Sie beginnt bei der Sicherung der gesamten Wertschöpfungskette.

In einer Welt wachsender geopolitischer Rivalitäten wird auch Uran – wie viele andere Rohstoffe – zu einer Frage strategischer Autonomie. Europa hat aus der Gasabhängigkeit von Russland schmerzhafte Lehren gezogen. Ob es diese rechtzeitig auf den Nuklearsektor überträgt, bleibt eine offene Frage.

Autor: P. Tiko

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