Es gibt Tage, da merkt man erst beim zweiten Kaffee, wie abhängig der Alltag von reibungslos funktionierender Technik geworden ist. Und es gibt Tage, an denen diese Abhängigkeit mit voller Wucht sichtbar wird. Der Donnerstag nach Neujahr gehörte für Millionen Französinnen und Franzosen eindeutig zur zweiten Kategorie.
Der französische Staatskonzern "La Poste" war erneut Ziel einer massiven Cyberattacke. Websites nicht erreichbar, Dienste außer Gefecht, digitale Schalter geschlossen. Für viele Kundinnen und Kunden wirkte das wie ein Déjà-vu, denn bereits kurz vor Weihnachten hatte eine ähnliche Attacke den Konzern tagelang lahmgelegt. Diesmal dauerte die Störung „nur“ mehrere Stunden – von den frühen Morgenstunden bis in den späten Nachmittag hinein. Doch der symbolische Schaden reicht weiter.
Betroffen waren zentrale Online-Dienste des Konzerns. Das Paket-Tracking, für viele so selbstverständlich wie der Blick auf die Uhr, funktionierte nicht. Digiposte, der digitale Tresor für wichtige Dokumente, blieb verschlossen. Auch bei dem Finanzdienstleister "La Banque Postale" hakte es spürbar. Online-Zahlungen konnten nicht wie gewohnt über die App bestätigt werden, stattdessen mussten Kundinnen und Kunden auf die altmodisch wirkende, aber funktionierende SMS-Authentifizierung zurückgreifen. Kartenzahlungen im Laden und Bargeldabhebungen blieben immerhin unbeeinträchtigt. Ein kleines Aufatmen im großen digitalen Stillstand.
Die Ursache klingt technisch, ist aber im Kern brutal simpel. Es handelte sich erneut um einen sogenannten DDoS-Angriff, einen Angriff durch Überlastung. Dabei werden Server mit einer solchen Flut an Anfragen bombardiert, dass sie unter der Last zusammenbrechen. La Poste sprach von mehreren Milliarden Zugriffsversuchen pro Sekunde. Eine Zahl, die eher an Astronomie erinnert als an IT-Sicherheit. Und doch beschreibt sie ziemlich genau, womit moderne Infrastrukturen heute konfrontiert sind.
Bemerkenswert ist weniger die Methode als ihre Wiederholung. Innerhalb einer Woche zweimal dieselbe Angriffstechnik, dieselbe Zielstruktur, dieselbe massive Wirkung. Das ist kein Zufall, sondern ein Signal. Schon der Angriff kurz vor Weihnachten war nach Angaben der Ermittlungsbehörden von einem prorussischen Hackerkollektiv für sich reklamiert worden. Diese Gruppe richtet ihre digitalen Angriffe seit geraumer Zeit nicht nur gegen die Ukraine, sondern auch gegen deren politische und institutionelle Unterstützer. Frankreich gehört dazu.
Die französischen Sicherheitsbehörden kennen das Muster. Seit 2023 wurden dem russischen Hacker-Kollektiv rund 2.200 Angriffe auf französische Einrichtungen zugeschrieben, darunter Ministerien, Präfekturen und kommunale Verwaltungen. Im vergangenen Sommer meldete die Justiz sogar einen Teilerfolg: Das zentrale technische Rückgrat der Gruppe sei zerschlagen worden. Doch wie so oft in der digitalen Welt bedeutet ein Schlag gegen die Infrastruktur nicht das Ende der Bedrohung. Eher das Gegenteil. Die jüngsten Angriffe legen nahe, dass weiterhin ausreichend Ressourcen und Know-how vorhanden sind, um empfindliche Störungen zu verursachen.
Nach der erneuten Attacke hat La Poste Anzeige erstattet. Die Ermittlungen liegen nun bei der Generaldirektion für Innere Sicherheit, der DGSI, sowie bei der nationalen Cybercrime-Einheit. Ein routinierter Vorgang, könnte man sagen. Und doch bleibt ein schaler Beigeschmack. Denn selbst ein gut aufgestellter Staatskonzern scheint diesen Angriffen bislang nur reagieren zu können, nicht vorbeugen.
Für die Kundinnen und Kunden ist das alles erst einmal unerquicklich. Pakete, die im digitalen Nirwana verschwinden. Dokumente, auf die man nicht zugreifen kann. Zahlungen, die sich verzögern. Nichts Lebensbedrohliches, aber eben auch nichts Harmloses. Gerade in einer Zeit, in der Verwaltung, Bankgeschäfte und Kommunikation zunehmend digital organisiert sind, wirkt jede solche Störung wie ein Riss im Fundament. Man merkt plötzlich, wie dünn die Schicht zwischen Komfort und Chaos manchmal ist.
Gleichzeitig zeigen die Vorfälle, dass Cyberangriffe längst Teil geopolitischer Auseinandersetzungen geworden sind. Sie ersetzen keine Panzer, aber sie verunsichern, sie binden Ressourcen, sie testen Reaktionsfähigkeit. Und sie treffen oft dort, wo es weh tut: im Alltag der Menschen. Wer am frühen Morgen vergeblich versucht, ein Paket zu verfolgen oder eine Rechnung zu bezahlen, spürt die große Politik sehr unmittelbar.
La Poste betonte nach dem Ende der Störungen, der Zugang zu den Systemen sei wiederhergestellt und es gebe keine Hinweise auf Datenabflüsse. Das ist die gute Nachricht. Die weniger gute lautet: Es war nicht der erste Angriff dieser Art, und vieles spricht dafür, dass es nicht der letzte bleibt. Cybersicherheit entwickelt sich damit immer mehr von einer technischen Disziplin zu einer gesellschaftlichen Aufgabe. Firewalls und Server reichen nicht mehr, es geht um Resilienz, um Vorbereitung, um das Akzeptieren einer neuen Normalität.
Oder, um es salopp zu sagen: Das Netz vergisst nichts, und es verzeiht wenig. Die Post mag wieder zustellen, die Server mögen wieder surren, doch das Gefühl der Verwundbarkeit bleibt. Und vielleicht ist genau das die eigentliche Botschaft dieser Attacke.
Autor: Andreas M. Brucker