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Drei Jahre danach – eine Mutter, ihre Fragen und ein Brief an den Präsidenten

Drei Jahre nach dem Tod ihres Sohnes weigert sich Marion Descamps, die Akte zu schließen. Sie weigert sich mit einer Beharrlichkeit, die still wirkt und gerade deshalb laut ist. Abhel, 20 Jahre alt, Ingenieurstudent, wurde am 17. Dezember 2022 tot aus dem Wasser gezogen, an der Plage von Rivedoux, nahe der Brücke zur Île de…

Marion Descamps (Screenshot Youtube)

Drei Jahre nach dem Tod ihres Sohnes weigert sich Marion Descamps, die Akte zu schließen. Sie weigert sich mit einer Beharrlichkeit, die still wirkt und gerade deshalb laut ist. Abhel, 20 Jahre alt, Ingenieurstudent, wurde am 17. Dezember 2022 tot aus dem Wasser gezogen, an der Plage von Rivedoux, nahe der Brücke zur Île de Ré. Die Gendarmerie kam rasch zu einem Ergebnis: Suizid. Die Mutter widerspricht – nicht emotional, sondern argumentativ. Punkt für Punkt. Frage für Frage.

In einer im Januar veröffentlichten Videobotschaft richtet sich Marion Descamps an die Öffentlichkeit und an den Staat. Sie schreibt einen offenen Brief an Emmanuel Macron, bittet um Aufmerksamkeit, um eine neue Prüfung, um Bewegung in einem Verfahren, das aus ihrer Sicht viel zu früh zum Stillstand kam. Gleichzeitig ruft sie mögliche Zeuginnen und Zeugen auf, sich zu melden. Wer in jener Nacht auf der Île de Ré oder in La Rochelle etwas gesehen oder gehört hat – selbst ein kleines Detail könne zählen. Sie suche keinen Schuldigen, sagt sie, sondern Wahrheit. Für ihren Sohn, für dessen Geschwister. Und letztlich für sich selbst.

Abhel war Student an der INSA Rennes, ein junger Mann, den seine Mutter als ruhig, ausgeglichen, zielstrebig beschreibt. Einer, der gerade einen anspruchsvollen Wettbewerb bestanden hatte, der von einem Auslandspraktikum sprach, von Plänen, von Zukunft. Am Abend des 16. Dezember 2022 reiste er per Mitfahrgelegenheit auf die Insel. Wenige Stunden später war er tot.

Die Zweifel der Familie speisen sich aus einer Reihe von Ungereimtheiten. Die Ermittler gehen davon aus, Abhel sei aus etwa 40 Metern Höhe gesprungen. Doch laut Autopsie fanden sich keine inneren oder äußeren Verletzungen. Kein Bruch, keine Läsion. Die Mutter, selbst Ärztin, sagt nüchtern: Ein Sturz aus dieser Höhe ohne Verletzungen – das passe nicht zusammen. Hinzu kommen weitere Punkte. Das Mobiltelefon des jungen Mannes habe noch bis ein Uhr nachts funktioniert, auf der anderen Seite der Brücke. Neben dem Körper lag eine Rose. Weder Freunde noch Dozenten seien befragt worden, kein Aufruf an mögliche Zeugen erfolgt, keine Auswertung von Messengern, E-Mails oder sozialen Netzwerken. All das, so Descamps, sei unterblieben.

Juristisch ist der Weg steinig. Die Familie zog von L’Houmeau bei La Rochelle nach Maisons-Alfort bei Paris, auch um Distanz zu gewinnen. Marion Descamps ließ sich als Nebenklägerin eintragen, um Einsicht in die Akten zu erhalten. Im Oktober 2025 hoffte sie vor dem Berufungsgericht auf eine Wiederaufnahme der Ermittlungen. Die Kammer der Instruktion in Poitiers erklärte den Antrag jedoch für unzulässig. Eine Entscheidung ohne inhaltliche Prüfung, wie der Anwalt der Familie betont. Nun liegt ein Kassationsantrag vor. Die Chancen stünden nicht schlecht, sagt der Jurist. Juristisch fragwürdig sei vor allem die formale Ablehnung.

Drei Jahre sind vergangen. Die Zeit heilt nicht alles. Manchmal schärft sie nur die Fragen.

Autor: Daniel Ivers

https://www.youtube.com/watch?v=YN2DkDu2-h0