Stellen Sie sich vor: Es ist 2025 – und in einem Teil Frankreichs müssen Menschen ihr Wasser stundenlang an öffentlichen Brunnen zapfen, weil es zu Hause aus dem Hahn einfach nicht fließt.
Willkommen in den französischen Überseegebieten.
Ein neuer Bericht mehrerer Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen mit dem Titel „Soif de justice“ („Durst nach Gerechtigkeit“) deckt schonungslos auf, was Millionen Bewohner:innen in Martinique, Guadeloupe, Mayotte, Guyane und La Réunion seit Jahren erleben: den täglichen Kampf um sauberes Trinkwasser.
Und das in einem Land, das sich weltweit für soziale Gerechtigkeit und Menschenrechte einsetzt.
Leitungen wie Siebe, Wasser wie Gift
Besonders dramatisch ist die Lage in Guadeloupe. Dort verliert das marode Wassernetz laut Bericht 61 Prozent des kostbaren Nasses – einfach durch Lecks und kaputte Rohre. Mehr als jeder zweite Liter geht verloren, bevor er überhaupt einen Wasserhahn erreicht.
Die Folge: regelmäßige „Tours d’eau“ – geplante Wasserabschaltungen, die ganze Stadtteile abwechselnd trockenlegen. Alltag mit Kanistern, Plastikflaschen und der ständigen Frage: Kommt morgen Wasser?
Doch nicht nur der Mangel ist ein Problem.
Seit Jahrzehnten belastet das hochgiftige Pestizid Chlordecone die Böden und das Grundwasser. Obwohl seit 1993 verboten, steckt es noch immer in Lebensmitteln – und im Trinkwasser. Ein Umweltverbrechen mit Langzeitfolgen.
Mayotte: Drei Tage ohne, ein paar Stunden mit
Noch drastischer mutet die Situation in Mayotte an – dem jüngsten französischen Übersee-Département und zugleich einem der ärmsten.
2023 brachte eine historische Dürre das System zum Kollaps. Trinkwasser gab es nur alle drei Tage, für ein paar Stunden. Der Rest? Hitze, Staub und Geduld – in langen Schlangen vor öffentlichen Wasserstellen, mit Kanistern in der Hand und Kindern im Schlepptau.
Schulen mussten schließen, weil sie schlicht kein Wasser mehr hatten. Der Zugang zu Bildung – ausgesetzt, weil der Zugang zu Wasser versagte.
Wasser – oder: Ein Menschenrecht in Frage gestellt
„Nulle part ailleurs en France on n’accepterait une telle situation.“ – Nirgendwo sonst in Frankreich würde man eine solche Lage dulden. Dieses Zitat von Jérémie Suissa, Sprecher der Organisation „Notre Affaire à Tous“, trifft den Nerv des Problems.
Denn was in den Überseegebieten passiert, ist keine Naturkatastrophe – sondern strukturelle Diskriminierung. Eine Ungleichbehandlung, die tief in kolonialen Denkmustern verwurzelt ist und bis heute fortbesteht. Der Bericht spricht offen von einer „gravierenden Umweltungerechtigkeit“. Gemeint ist: Ein Teil der französischen Bevölkerung lebt unter Bedingungen, die im Mutterland undenkbar wären.
Milliardenlücke – und jahrzehntelange Vernachlässigung
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: 2,36 Milliarden Euro – so viel wären laut den beteiligten Organisationen nötig, um die Versäumnisse der letzten Jahrzehnte aufzuholen. Um Leitungen zu erneuern, Wasserwerke zu modernisieren, Quellen zu sichern.
Und vor allem: um Vertrauen zurückzugewinnen.
Denn hinter dem Wasserproblem steckt mehr als marode Technik – es geht um Würde, Sicherheit, Alltag. Um das gute Leben, das Frankreich verspricht – und das vielen seiner Bürger:innen bislang verweigert bleibt.
Wer ist verantwortlich? Wer handelt?
Zuständig sind viele: lokale Verwaltungen, Versorgungsunternehmen, die französische Regierung. Doch bisher zeigt sich das Zusammenspiel oft als Flickenteppich aus Schuldzuweisungen, Notlösungen und langen Verzögerungen. Die NGOs fordern daher nicht nur Investitionen – sondern auch eine offizielle Anerkennung des Problems als Umweltdiskriminierung. Erst dann, so die Hoffnung, kann die notwendige politische Dringlichkeit entstehen.
Was bleibt, ist die Frage:
Wie kann ein modernes, demokratisches Land zulassen, dass Millionen seiner Bürger von etwas so Essentiellem wie Trinkwasser systematisch ausgeschlossen sind?
Und warum braucht es immer erst einen Skandal – oder einen aufrüttelnden Bericht –, bevor jemand zuhört?
Zeit, dass sich etwas ändert. Nicht irgendwann. Jetzt.
Autor: C.H.
Quellen:
https://fr.wikipedia.org/wiki/Crise_de_l%27eau_en_Guadeloupe