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Ein Auge, sieben Jahre, ein Gerichtssaal – warum der Prozess um Jérôme Rodrigues mehr ist als ein Einzelfall

Paris, Anfang Februar 2026.Manchmal braucht die Justiz in Frankreich einen langen Atem, manchmal wirkt sie wie ein schwerfälliger Dampfer, der erst nach Jahren den Kurs korrigiert. In diesen Tagen aber ist Bewegung in einen Fall geraten, der zu den symbolträchtigsten der jüngeren französischen Protestgeschichte zählt. Sieben Jahre nach den Ereignissen wird ein Polizeibeamter vor einem…

Jérôme Rodrigues (Wikipedia)

Paris, Anfang Februar 2026.
Manchmal braucht die Justiz in Frankreich einen langen Atem, manchmal wirkt sie wie ein schwerfälliger Dampfer, der erst nach Jahren den Kurs korrigiert. In diesen Tagen aber ist Bewegung in einen Fall geraten, der zu den symbolträchtigsten der jüngeren französischen Protestgeschichte zählt. Sieben Jahre nach den Ereignissen wird ein Polizeibeamter vor einem Strafgericht erscheinen müssen, angeklagt wegen vorsätzlicher Gewalt mit dauerhaften Folgen. Im Zentrum steht der Verlust eines Auges. Und der Name Jérôme Rodrigues.

Die Entscheidung der Ermittlungsrichter beendet eine lange Phase juristischer Scharmützel, Einsprüche, Verzögerungen. Der Versuch, die Anklage zu kippen, ist gescheitert. Damit steht fest: Der mutmaßlich verantwortliche Beamte wird sich wegen eines Verbrechens verantworten müssen, das mit bis zu fünfzehn Jahren Haft geahndet werden kann. Für viele Beobachter wirkt dieser Moment überfällig, für andere problematisch, für alle politisch aufgeladen.

Der Blick zurück führt an einen Wintertag, den 26. Januar 2019. Ein Tag der Proteste der Gilets jaunes. Die Place de la Bastille, sonst Kulisse revolutionärer Mythen und touristischer Fotos, wird zum Schauplatz harter Auseinandersetzungen. Pflastersteine, Tränengas, Sirenen. Rodrigues, damals eine der bekanntesten Stimmen des Protests, filmt die Szene mit seinem Smartphone. Sekunden später trifft ihn ein Projektil aus einer sogenannten Selbstverteidigungswaffe. Das rechte Auge ist verloren. Ein Knall, dann Dunkelheit.

Diese Verletzung wird zum Sinnbild. Für Unterstützer der Gelbwesten-Bewegung steht sie für exzessive Polizeigewalt, für Kritiker für die Eskalation einer Protestform, die aus dem Ruder gelaufen ist. Rodrigues selbst wird zum Mahner und zur lebenden Erinnerung daran, dass politische Konflikte verstümmeln können.

Der Weg zur Anklage ist lang. Erst 2021 wird der beschuldigte Beamte, in den Akten als Brice C. geführt, offiziell unter Anklage gestellt. Fünf weitere Jahre vergehen, bis nun feststeht, dass ein Strafgericht über Schuld oder Unschuld entscheiden soll. In Interviews spricht Rodrigues von Erleichterung, aber ohne Triumph. Sieben Jahre Warten hinterlassen Spuren. Und sie schärfen den Blick für jene, die nie einen Gerichtssaal sehen werden. „Ich denke an all die anderen“, sagt er sinngemäß, „die vergeblich auf Gerechtigkeit warten.“ Klingt pathetisch, ist aber leider wahr.

Die Verteidigung des Polizisten hält dagegen. Der Anwalt nennt den Entscheid schockierend, aus seiner Sicht realitätsfremd. Sein Mandant habe in einer Extremsituation gehandelt, unter Beschuss, in legitimer Selbstverteidigung. Dieses Argument begleitet nahezu jedes Verfahren rund um Polizeieinsätze bei Großdemonstrationen. Es wird auch hier den Kern des Prozesses bilden. Was darf ein Beamter, wenn die Lage kippt? Und wann kippt sie wirklich?

Der Fall rührt an eine grundsätzliche Debatte. Der Einsatz von sogenannten nicht tödlichen Waffen, Grenades de désencerclement oder LBD, beschäftigt Gerichte, Menschenrechtsorganisationen und Innenpolitiker seit Jahren. Mehr als zwanzig Menschen verloren während der Proteste jener Zeit ein Auge. Zahlen, die für Betroffene lebenslang nachhallen.

Jenseits der juristischen Feinheiten geht es um Vertrauen. In den Staat. In seine Institutionen. In die Fähigkeit, eigenes Handeln kritisch zu prüfen. Der Prozess, dessen Termin noch offen ist, wird nicht alle Wunden heilen können. Aber er zwingt zur Auseinandersetzung. Mit Bildern, die man lieber verdrängt hätte. Mit Fragen, die unbequem bleiben.

Frankreich sucht nach Antworten, die weder einfach noch schnell zu haben sind.

Von Daniel Ivers

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