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Ein Auto im Becken – wie La Ciotat nur knapp einer Tragödie entging

Es gibt Bilder, die sich festsetzen wie ein Schlag in die Magengrube. Ein solches stammt aus La Ciotat, einer beschaulichen Küstenstadt nahe Marseille. Am Boden eines städtischen Schwimmbeckens liegt eine dunkle Limousine, schwer, reglos, fehl am Platz wie ein Wal im Wohnzimmer. Darüber aufgewühltes Wasser, zerborstene Glasscheiben, Menschen am Beckenrand, die noch nicht begreifen, was…

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Es gibt Bilder, die sich festsetzen wie ein Schlag in die Magengrube. Ein solches stammt aus La Ciotat, einer beschaulichen Küstenstadt nahe Marseille. Am Boden eines städtischen Schwimmbeckens liegt eine dunkle Limousine, schwer, reglos, fehl am Platz wie ein Wal im Wohnzimmer. Darüber aufgewühltes Wasser, zerborstene Glasscheiben, Menschen am Beckenrand, die noch nicht begreifen, was gerade geschehen ist.

Der Unfall ereignete sich am Abend des 11. Dezember, kurz nach 21 Uhr. In der städtischen Schwimmhalle Jean Boiteux zogen gerade die letzten Badegäste ihre Bahnen. Rund zwanzig Menschen befanden sich im Becken, als die Ruhe eines gewöhnlichen Trainingsabends binnen Sekunden zerfiel. Eine Limousine durchbrach eine Glasfront, schoss in das Gebäude und versank im Wasser.

Anders, ein Schwimmer, der zu diesem Zeitpunkt im Becken war, beschreibt den Moment mit der Eindringlichkeit eines Augenzeugen, der das Geschehen immer wieder vor sich sieht. Er habe eine gewaltige Explosion gehört, sagt er. Als er den Kopf aus dem Wasser hob, sah er, wie das Auto mit Wucht auf die Wasseroberfläche prallte. Kein Film, kein Albtraum, sondern brutale Realität.

Was zunächst wie ein surrealer Schock wirkte, entwickelte sich rasch zu einem Wettlauf gegen die Zeit. Im Fahrzeug saßen eine 38-jährige Frau und ihre fünfjährige Tochter. Sie waren eingeschlossen, das Auto begann zu sinken. In 2,40 Metern Tiefe lag der Boden des Beckens – genug, um selbst erfahrene Schwimmer in Panik zu versetzen, erst recht Kinder.

Zwei Rettungsschwimmer reagierten instinktiv. Ohne Zögern sprangen sie ins Wasser, tauchten zur Fahrerkabine hinab, tasteten sich durch Glassplitter und trübes Wasser. Julien d’Asta-Passeti, einer von ihnen, schildert später mit belegter Stimme, wie schwierig die Rettung war. Mühsam habe man die Fahrertür öffnen können. Die Frau sei völlig benommen gewesen. Das Auto schwamm nicht mehr, es zog nach unten. Und dann der Moment, der jedem Retter das Blut in den Adern gefrieren lässt: der Blick nach hinten, die Erkenntnis, dass dort noch ein kleines Kind sitzt. Das schlimmste denkbare Szenario, sagt er – schlimmer geht es kaum.

Doch es gelang. Mutter und Tochter wurden aus dem Fahrzeug befreit, an die Oberfläche gebracht und anschließend ins Krankenhaus transportiert. Sie überlebten. Allein dieses Wort wiegt in diesem Zusammenhang schwerer als jede Analyse.

Nach Angaben der Feuerwehr hatte die Fahrerin ihr Auto auf dem Parkplatz vor dem Schwimmbad abgestellt. Offenbar verwechselte sie beim Rangieren Vorwärts- und Rückwärtsgang. Ein Fehler, banal und fatal zugleich. Der Wagen überwand einen kleinen Abhang, riss einen Maschendrahtzaun nieder, durchbrach die Glasfront der Schwimmhalle und landete im Becken. Eine Kette von Umständen, die man im Nachhinein rational erklären kann – und die im Moment des Geschehens dennoch wie eine Verkettung des Unfassbaren wirkt.

Ein Mann wurde leicht verletzt, Glassplitter hatten ihn getroffen. Mehr nicht. Das klingt nüchtern, fast beiläufig, doch genau darin liegt die eigentliche Sensation dieses Abends: Dass nicht mehr passiert ist. Dass niemand ertrank. Dass aus einem spektakulären Unfall keine Tragödie wurde.

Pegah Mirzaie-Lawrie, ebenfalls Rettungsschwimmerin, bringt es mit einem Satz auf den Punkt, der zwischen Erleichterung und schwarzem Humor pendelt. Für Autos im Schwimmbecken, sagt sie, sei man eigentlich nicht ausgebildet – es sei denn, man habe zu viele Filme gesehen. Dass man heute darüber lächeln könne, liege nur daran, dass alle lebend davongekommen sind. Ein Satz, der nachhallt, weil er die fragile Grenze zwischen Normalität und Katastrophe markiert.

Nun steht die Stadt vor den praktischen Folgen des Geschehens. Die Bergung des Fahrzeugs gilt als komplex. Schweres Gerät wird nötig sein, ebenso Zeit. Mehrere Wochen soll die Schwimmhalle geschlossen bleiben. Für Vereine, Schulen und Freizeitsportler ist das ein Einschnitt. Für die Verantwortlichen ein logistisches Problem. Für die Beteiligten vor Ort bleibt vor allem die Erinnerung an einen Abend, der anders hätte enden können.

Solche Unfälle werfen Fragen auf, ohne einfache Antworten zu liefern. Wie sicher sind öffentliche Gebäude gegen Fehler im Straßenverkehr geschützt? Reichen Zäune, Abhänge, Glasfronten aus? Oder ist das Restrisiko Teil eines urbanen Lebens, das man nie vollständig absichern kann? Wer in diesen Tagen mit Verantwortlichen spricht, spürt eine Mischung aus Erleichterung und leiser Beunruhigung. Man weiß, dass es gut ausgegangen ist. Man weiß aber auch, dass es beim nächsten Mal anders sein könnte.

In La Ciotat jedenfalls wird man diesen Dezemberabend nicht so schnell vergessen. Die Bilder des Autos im Wasser sind längst um die Welt gegangen. Doch hinter ihnen stehen Menschen, Reflexe, Mut und ein paar Sekunden, die über Leben und Tod entschieden. Manchmal hängt alles an genau solchen Momenten. Und manchmal, ganz selten, gewinnt das Leben.

Autor: Daniel Ivers

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