Am 9. Juni 2025 wurde das 133-Seelen-Dorf Mormant-sur-Vernisson im Département Loiret zum symbolträchtigen Schauplatz eines internationalen Treffens der europäischen Rechten. Eingeladen vom französischen Rassemblement National (RN), versammelten sich hochrangige Vertreter der europäischen Rechten wie Viktor Orbán, Matteo Salvini und Santiago Abascal, um den ersten Jahrestag ihres Erfolgs bei den Europawahlen 2024 zu feiern. Unter dem martialischen Motto „Tag des Sieges“ mobilisierte die Veranstaltung zwischen 5.000 und 6.000 Anhänger – ein Kraftakt, der weit über die französischen Landesgrenzen hinausstrahlt.
Ein symbolträchtiger Ort, eine klare Botschaft
Die Wahl des Veranstaltungsortes war alles andere als zufällig. Mormant-sur-Vernisson verkörpert das, was der RN als „vergessene Frankreich“ beschreibt – die ländliche, abgehängte Bevölkerung fernab der urbanen Zentren. Thomas Ménagé, Abgeordneter des RN und Gastgeber, erklärte, es sei an der Zeit, „die Stimme der Provinz zu erheben, die Paris nicht hören will“. Mit dieser Inszenierung zielt der RN auf eine Re-Politisierung des ländlichen Raums – ein Terrain, auf dem sich rechte Kräfte europaweit zunehmend etablieren.
Ein Schulterschluss der europäischen Rechten
Die Reden der angereisten Parteiführer ließen keinen Zweifel an der ideologischen Klammer, die diese Kräfte verbindet. Viktor Orbán sprach von einem „organisierten Bevölkerungsaustausch“ durch Migration, der das kulturelle Fundament Europas zerstören solle. Matteo Salvini warnte vor einer „islamistischen Invasion“, die durch die Untätigkeit Brüssels begünstigt werde. Santiago Abascal von der spanischen Vox-Partei und der niederländische Politiker Geert Wilders ergänzten den Chor mit ähnlichen Warnungen vor „linker Indoktrination“ und „kultureller Selbstaufgabe“.
Auffällig war dabei nicht nur die inhaltliche Einheitlichkeit, sondern auch die strategische Zielrichtung: Eine Entmachtung der europäischen Institutionen zugunsten nationaler Souveränität, flankiert von migrationspolitischen Abschottungsmaßnahmen.
Le Pen als Präsidentin im Wartestand?
Obwohl Marine Le Pen durch ein Gerichtsurteil für vorerst nicht wählbar erklärt wurde, galt der zentrale Applaus der Versammlung ihr. Viktor Orbán nannte sie „Präsidentin Frankreichs“, Salvini pries sie als „unermüdliche Kämpferin“. Ihre Rede geriet zur Generalabrechnung mit der EU, die sie als „wokistisches, ultraliberales Imperium“ diffamierte. Ihre Worte trugen den Duktus einer Märtyrerin, die sich durch rechtliche Schikanen nicht von der Bühne drängen lasse.
Jordan Bardella, Präsident des RN und von vielen als Kronprinz Le Pens betrachtet, trat demonstrativ an ihre Seite. Seine Angriffe auf die „europäische Bürokratie“ und das „politische Kartell von Brüssel“ richteten sich nicht nur gegen die EU selbst, sondern auch gegen innerparteiliche Zweifel an seiner Führungsfähigkeit.
Gegendemonstration im Zeichen der Wachsamkeit
Nur wenige Kilometer entfernt, in Montargis, formierte sich der Widerstand. Rund 4.000 Personen, darunter Vertreter von linken Parteien, Gewerkschaften und zivilgesellschaftlichen Organisationen, protestierten gegen das Treffen. Die Europaabgeordnete Manon Aubry (LFI) nannte die versammelten Gäste „Handlanger des autoritären Nationalismus“. Auch wenn die Gegendemonstration zahlenmäßig unterlegen war, markierte sie ein wichtiges Zeichen: Die Mobilisierung gegen die Normalisierung der extremen Rechten bleibt intakt.
Ein europäisches Netzwerk im Aufwind
Die Veranstaltung unterstrich die grenzüberschreitende Verankerung des RN innerhalb der europäischen Rechten. Bereits 2024 war die Partei dem neuen Rechtsbündnis „Patrioten für Europa“ beigetreten, das maßgeblich von Viktor Orbán initiiert wurde. Der Zusammenschluss vereint nationalistische und euroskeptische Parteien aus ganz Europa. Jordan Bardella fungiert aktuell als Präsident dieser Fraktion im EU-Parlament – ein Symbol für die zunehmende Professionalisierung und Institutionalisierung rechter Bewegungen.
Die Strategie ist klar: Europa nicht verlassen, sondern von innen heraus verändern – durch eine stärkere Koordination nationalistischer Kräfte. In Brüssel zeigt sich bereits erste Wirkung: Die Fraktion zählt mittlerweile über 120 Abgeordnete und beeinflusst Ausschüsse und Debatten maßgeblich.
Was bleibt – und was kommt?
Die zentrale Frage bleibt die nach der politischen Zukunft von Marine Le Pen. Wird ihre Ineligibilität vor 2027 aufgehoben? Oder bahnt sich mit Bardella ein Generationswechsel an, der nicht als Bruch, sondern als Fortsetzung interpretiert wird? Unabhängig von der Personalie bleibt der RN auf europäischer Ebene fest verankert – stärker denn je, wie dieses Treffen demonstrierte.
Der „Tag des Sieges“ von Mormant-sur-Vernisson ist weniger eine Momentaufnahme als vielmehr ein programmatischer Auftakt: zur Neuformierung einer Rechten, die nationale Identität, kulturelle Homogenität und politische Souveränität ins Zentrum stellt. Die Mobilisierung der Gegenseite zeigt jedoch auch, dass das demokratische Immunsystem nicht schläft.
Von Andreas Brucker