Wie ein Holzrad aus Nordfrankreich das grüne Gewissen der Mobilität neu erfindet
Zuerst wirkt es wie eine charmante Spinnerei: ein E-Bike aus Holz, das aussieht wie aus einem Designmuseum. Doch was der französische Ingenieur Guillaume Dumont in einem stillen Moment der Pandemie ersonnen hat, entpuppt sich als radikale Idee mit erstaunlich bodenständiger Wirkung. Seine Vision: das nachhaltigste Fahrrad der Welt – gebaut aus einer simplen Birkenholzplatte, gefertigt in Frankreich, zusammengebaut von Menschen mit Behinderung. Ergebnis: zehnmal weniger CO₂-Emissionen als herkömmliche Aluminiumräder aus Fernost.
Ein ehrgeiziges Ziel, das ganz leise begonnen hat – im Keller, mitten im Corona-Lockdown. Kein Schweißgerät, dafür jede Menge Holz. „Wir waren eingeschlossen und hatten keine Möglichkeit zu schweißen“, erzählt Dumont. „Aber wir hatten Holz. Und den Traum, ein Fahrrad zu bauen, das wirklich etwas verändert.“
Heute steht er in seinem Werk im Pas-de-Calais und blickt auf Maschinen, die aus ebenjenem Birkenholz Stück für Stück ein Rad zaubern. Zwölf Werkzeuge formen die Bretter in passgenaue Puzzleteile. Der Clou: Die Produktion bleibt lokal, der ökologische Fußabdruck klein, die Wertschöpfungskette sozial verantwortlich. Mit im Boot: ein ESAT – ein geschützter Arbeitsort für Menschen mit Behinderung. Eine Kooperation, die nicht nur Räder, sondern auch Perspektiven schafft.
Die Idee klingt nach Start-up-Romantik. Doch sie fährt – und zwar richtig. Jean-Patrice ist einer der ersten Kunden. Seit vier Monaten fährt er täglich zur Arbeit auf seinem Holz-E-Bike. „Es fühlt sich überhaupt nicht nach Holz an“, sagt er. „Angenehm zu fahren, stabil, und gestern sind wir 50 Kilometer gefahren – das Rad hält besser durch als ich.“
Tatsächlich bringt das hölzerne E-Bike nur 20 Kilogramm auf die Waage – nicht schwerer als ein handelsübliches Modell. Was dagegen auffällt, ist der Preis: 3.000 Euro kostet das Schmuckstück mit Elektroantrieb. Für viele zu viel, für Jean-Patrice eine bewusste Entscheidung. „Ich wollte ein Fahrrad, das schön ist und Verantwortung übernimmt.“
Wer auf den Motor verzichten kann, bekommt das Holzrad auch für "nur" 2.000 Euro. Damit bewegt sich Dumonts Kreation im oberen Mittelfeld. Doch für die junge Firma zählt vor allem eines: Vertrauen aufbauen, Nachfrage wecken, Produktionszahlen steigern. Der Plan? Hundert Stück zunächst. Dann vielleicht 25 Stück im Monat. Industrie im Schneckentempo, dafür mit Seele.
Was hier entsteht, ist mehr als ein Fahrrad. Es ist ein Gegenentwurf zu globaler Serienfertigung, zu energieintensivem Leichtmetall, zu anonymen Lieferketten. Dumonts Rad erzählt von Nähe, von Handwerk, von Menschen. Von einer Idee, die nicht nur den Asphalt, sondern auch das Denken verändert.
Dass ein Fahrrad aus Holz kommt, wirkt auf den ersten Blick wie ein Rückschritt. Doch es ist vielmehr ein Sprung nach vorn – zurück zur Natur, zurück zur Verantwortung. Holz statt Hochglanz, Puzzle statt Pressguss. Und vielleicht ist genau das der Weg in die Mobilität von morgen: langsam, bewusst, nachhaltig.
Denn was ist umweltfreundlicher als ein Fahrrad? Ein Fahrrad, das selbst mit gutem Gewissen gebaut wurde. Ohne Alibi, ohne Greenwashing – sondern aus echtem Holz und echter Überzeugung. Vielleicht ist es kein Zufall, dass Dumont während der Pandemie zum Tüftler wurde. Krisen zwingen uns oft, neu zu denken.
Am Ende steht ein Satz, der mehr verspricht als bloße Fortbewegung: „Ein schönes Fahrrad macht mehr Lust aufs Fahrradfahren.“ Und wenn es aus Holz ist – umso mehr.
Autor: C.H.