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Ein falscher Schritt, ein Abgrund – tödliche Wanderung im winterlichen Massif des Bauges

Manchmal genügt ein Augenblick. Ein Ausrutscher, ein unbedachter Schritt auf gefrorenem Boden, ein Hang, der harmlos aussieht und sich im nächsten Moment als tödliche Falle entpuppt. Im Massif des Bauges, diesem stillen, oft unterschätzten Mittelgebirge zwischen Savoyen und Haute-Savoie, endete am ersten Januarwochenende 2026 eine Winterwanderung tödlich. Ein Ehepaar aus der Ardèche stürzte 150 bis…

Les Bauges, Wikipedia

Manchmal genügt ein Augenblick. Ein Ausrutscher, ein unbedachter Schritt auf gefrorenem Boden, ein Hang, der harmlos aussieht und sich im nächsten Moment als tödliche Falle entpuppt. Im Massif des Bauges, diesem stillen, oft unterschätzten Mittelgebirge zwischen Savoyen und Haute-Savoie, endete am ersten Januarwochenende 2026 eine Winterwanderung tödlich. Ein Ehepaar aus der Ardèche stürzte 150 bis 200 Meter tief in die Tiefe. Am Sonntagnachmittag wurden ihre leblosen Körper aus der Luft entdeckt.

Christel und Didier, so die Vornamen der beiden Verunglückten, verbrachten die Weihnachtsferien in einem Gîte im kleinen Ort Jarsy. Die Gegend gilt als ruhig, fast abgeschieden, ein Rückzugsort für Menschen, die die Berge abseits der großen Skistationen suchen. Am Morgen waren sie zu Fuß zu einer Wanderung aufgebrochen. Als sie nicht zurückkehrten, schlug der Besitzer der Unterkunft Alarm.

Was folgte, war eine Suchaktion, wie sie in alpinen Regionen immer wieder vorkommt – und dennoch jedes Mal von neuem unter die Haut geht. Dutzende Menschen beteiligten sich an den Ermittlungen: Gendarmen, Bergretter, Feuerwehrleute, ein Hundeführer, dazu rund fünfzehn Jäger aus der Umgebung. Koordiniert wurde alles von der Gendarmerie der Savoie. Die Hoffnung, das Paar lebend zu finden, schwand mit jeder Stunde.

Gegen 16 Uhr dann die Gewissheit. Die Besatzung eines Hubschraubers der CRS Alpes de Modane sichtete zwei Körper am Fuß eines vereisten Hanges auf dem Gemeindegebiet von Chevaline. Der Ort des Unglücks trägt einen Namen, der fast harmlos klingt: Pas de l’Ours. In Wirklichkeit handelt es sich um einen steilen Abschnitt oberhalb einer vereisten Kaskade – landschaftlich eindrucksvoll, im Winter jedoch tückisch.

Nach ersten Erkenntnissen waren Christel und Didier weder mit Skiern noch mit Schneeschuhen unterwegs. Das ist entscheidend. Denn aktuell liegt in den mittleren Höhenlagen kaum Schnee. Stattdessen herrscht eine gefährliche Mischung aus blankem Fels, gefrorener Erde und unscheinbaren Eisflächen. Wer hier ausrutscht, findet kaum Halt. Ein Verantwortlicher der Rettungskräfte sprach von einem mutmaßlichen Sturz über 150 bis 200 Meter. Ein Sturz der tödlich endete.

Die Bauges gehören nicht zu den Hochalpen. Keine Viertausender, keine Gletscher, kein alpines Pathos. Gerade das macht sie für viele Wanderer attraktiv. Sanfte Kämme, weite Wälder, aussichtsreiche Pfade. Doch im Winter verändert sich der Charakter dieser Landschaft grundlegend. Was im Sommer ein Spaziergang wirkt, verwandelt sich in eine riskante Unternehmung. Der Boden gefriert, Wasserläufe werden zu glatten Eisbahnen, Markierungen verschwinden im Grau.

Erfahrene Bergretter berichten seit Jahren von einem paradoxen Effekt. Je weniger Schnee liegt, desto größer ist die Gefahr. Skitourengeher bleiben zu Hause, Wanderer fühlen sich sicher. Turnschuhe statt Steigeisen, leichte Jacke statt Notfallausrüstung. „Man denkt: Ach, das geht schon“, sagen sie dann. Ein Satz, der in den Bergen immer wieder fatale Folgen hat.

Auch an diesem Wochenende war das Wetter trügerisch. Kein Schneesturm, keine Lawinenwarnung, keine spektakulären Extrembedingungen. Und genau darin liegt die Gefahr. Glatte Hänge erkennt man oft erst, wenn es zu spät ist. Ein falscher Schritt genügt, dann beschleunigt der Körper unaufhaltsam. Bremsen unmöglich.

Der Tod von Christel und Didier hat die Region erschüttert. In kleinen Gemeinden wie Chevaline kennt man sich, hier wird jedes Unglück persönlich genommen. Die Beteiligung der örtlichen Jäger an der Suche zeigt, wie eng das Netz der Solidarität in solchen Momenten geknüpft wird. Alle helfen. Alle hoffen. Und am Ende bleibt oft nur noch die bittere Gewissheit.

Die Bauges, ebenso wie die benachbarte Chartreuse, gelten als „Mittelgebirge“. Ein Begriff, der Sicherheit suggeriert. Tatsächlich sind sie im Winter nicht weniger gefährlich als höhere Regionen. Die Statistiken der Bergrettung bestätigen das seit Jahren. Ein Großteil der tödlichen Unfälle ereignet sich nicht in extremem Gelände, sondern auf scheinbar einfachen Routen.

Der Unfall wirft erneut Fragen nach Verantwortung und Vorbereitung auf. Niemand kann das Wetter kontrollieren, niemand jede Eisplatte sehen. Doch angemessene Ausrüstung, aktuelle Wetterinformationen und eine realistische Selbsteinschätzung senken das Risiko erheblich. Grödel, Stöcke, warme Kleidung – Kleinigkeiten, die im Ernstfall Leben retten.

Für Christel und Didier kommt jede Vorsorge zu spät. Sie wollten die Natur genießen, ein paar ruhige Stunden in den Bergen verbringen. Stattdessen wurden sie Opfer einer winterlichen Landschaft, die keine Fehler duldet. Ihr Tod erinnert daran, dass die Berge auch dann Respekt verlangen, wenn sie sanft wirken.

Am Ende bleibt Stille. Und die Mahnung, die jedes Jahr aufs Neue ausgesprochen wird – und doch so oft verhallt. Die Berge sind kein Freizeitpark. Sie sind schön, großzügig, aber unerbittlich. Wer sie betritt, trägt Verantwortung. Für sich selbst. Und für jene, die im Notfall aufbrechen, um zu retten, was manchmal nicht mehr zu retten ist.

Von C. Hatty

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