Es ist ein Fall, der selbst in einem Land mit langer juristischer Erfahrung aus dem Rahmen fällt. In einem Dorf im Département Isère lebt ein Mann, 79 Jahre alt, dessen Leben nach außen hin unscheinbar wirkte. Heute sitzt er in Untersuchungshaft. Die Justiz wirft ihm vor, über mehr als fünf Jahrzehnte hinweg schwere Sexualstraftaten an Minderjährigen begangen zu haben. Die Ermittlungen führt die Staatsanwaltschaft von Grenoble, und schon jetzt zeichnet sich ab: Dieses Verfahren zählt zu den größten seiner Art in Frankreich.
Der Zeitraum der mutmaßlichen Taten liest sich wie ein historischer Abriss. Von 1967 bis 2022 sollen Übergriffe stattgefunden haben, also von der Zeit der Studentenrevolten bis in die digitale Gegenwart. Mehr als fünfzig Jahre. In dieser Spanne, so der aktuelle Stand der Ermittlungen, gab es mindestens 89 minderjährige Opfer. Die meisten waren Jugendliche zwischen 13 und 17 Jahren, einige jünger. Zahlen, die nüchtern wirken, aber hinter jeder Ziffer verbirgt sich ein Lebensweg, der aus der Bahn geraten sein könnte.
Die Vorwürfe wiegen schwer. Es geht um Vergewaltigung von Minderjährigen und um sexuelle Übergriffe, verschärft durch den Umstand, dass der Beschuldigte offenbar wiederholt Autoritätsverhältnisse ausnutzte. Über Jahrzehnte war er in Bereichen tätig, die Nähe zu Kindern und Jugendlichen mit sich brachten. Betreuung von Freizeitaktivitäten, pädagogische oder sportliche Aufgaben, dazu Aufenthalte im Ausland. Man kann sich das wie ein Netz vorstellen, das sich langsam, fast unsichtbar ausbreitete.
Der Ausgangspunkt der Ermittlungen wirkt fast beiläufig, ist es aber nicht. Ein Angehöriger übergab den Behörden digitale Datenträger mit persönlichen Aufzeichnungen. Darin beschrieb der Beschuldigte selbst detailliert sexuelle Kontakte zu Minderjährigen. Kein kryptisches Tagebuch, sondern präzise Notizen. Für die Ermittler ein bedrückender Glücksfall, denn diese Dokumente ermöglichten es, mutmaßliche Opfer zu identifizieren, Namen zuzuordnen, Wege nachzuzeichnen.
Besonders brisant ist die geografische Dimension. Die mutmaßlichen Taten beschränkten sich nicht auf Frankreich. Spuren führen durch mehrere europäische Länder, nach Nordafrika, nach Asien, in Regionen, in denen der Mann zeitweise lebte oder arbeitete. Das Verfahren erhält dadurch eine internationale Komponente, die die Aufarbeitung zusätzlich erschwert. Juristen sprechen hinter vorgehaltener Hand von einer logistischen Mammutaufgabe.
Die Staatsanwaltschaft hat deshalb einen öffentlichen Appell gestartet. Weitere mögliche Opfer sollen sich melden, Zeugenaussagen gesammelt, blinde Flecken geschlossen werden. Niemand weiß, ob die Zahl 89 das Ende markiert oder nur eine Zwischenstation. Klar ist nur: Die Ermittlungen dauern an.
Juristisch gilt weiterhin die Unschuldsvermutung. Die Anklage, die sogenannte „mise en examen“, bedeutet, dass konkrete und schwerwiegende Verdachtsmomente vorliegen, kein Urteil. Und doch bleibt ein bitterer Nachgeschmack. Wenn sich die Vorwürfe bestätigen, dann erzählt dieser Fall von jahrzehntelangem Schweigen, von Strukturen, die Nähe ermöglichten, und von einer Gesellschaft, die zu oft wegsah. Krass gesagt: Manche Abgründe öffnen sich erst, wenn jemand den Mut hat, eine Festplatte auf den Tisch zu legen.
Autor: Daniel Ivers