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Ein Jahr nach der Auflösung der Nationalversammlung – Wie denken die Franzosen heute darüber?

Am 9. Juni 2024 löste Präsident Emmanuel Macron die französische Nationalversammlung überraschend auf – ein politischer Kraftakt, der als Reaktion auf die Niederlage seines Lagers bei der Europawahl gedacht war. Heute, ein Jahr später, wird dieser Schritt von einer breiten Mehrheit der französischen Bevölkerung als Fehlschlag bewertet. Die Auflösung, die eigentlich Stabilität bringen sollte, hat…

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Am 9. Juni 2024 löste Präsident Emmanuel Macron die französische Nationalversammlung überraschend auf – ein politischer Kraftakt, der als Reaktion auf die Niederlage seines Lagers bei der Europawahl gedacht war. Heute, ein Jahr später, wird dieser Schritt von einer breiten Mehrheit der französischen Bevölkerung als Fehlschlag bewertet. Die Auflösung, die eigentlich Stabilität bringen sollte, hat vielmehr eine Phase anhaltender Unsicherheit eingeläutet – mit weitreichenden Konsequenzen für das politische System Frankreichs.

Eine Entscheidung gegen den Willen der Bevölkerung

Die öffentliche Meinung fällt klar aus: 71 % der Franzosen halten die Auflösung der Nationalversammlung rückblickend für eine Fehlentscheidung. Das ergab eine aktuelle Erhebung des Instituts Elabe. Bemerkenswert ist die parteiübergreifende Ablehnung: Selbst im Lager der Präsidentenanhänger beurteilen vier von fünf Befragten den Schritt negativ. Damit ist ein zentraler Bestandteil von Macrons Strategie – die Mobilisierung der eigenen Anhänger – gescheitert. Der Dissens geht tief und offenbart eine wachsende Skepsis gegenüber einem präsidialen Machtstil, der lange als pragmatisch galt, nun aber zunehmend als impulsiv wahrgenommen wird.

Politik auf Zeit – ein Jahr des Stillstands

Neben dem negativen Urteil über die Entscheidung selbst überwiegt die Kritik an ihren Folgen: Laut einer Ifop-Umfrage vom Juni 2025 sind 81 % der Franzosen überzeugt, die Auflösung habe das Land wertvolle Zeit gekostet. 74 % bemängeln, dass sie die Handlungsfähigkeit der Regierung entscheidend geschwächt habe. Die politische Pattsituation, die Macron mit dem Urnengang überwinden wollte, wurde also nicht gelöst, sondern verschärft. Die Folge war ein Zustand institutioneller Lähmung, der sich in der kurzen Amtszeit mehrerer Premierminister manifestierte – ein Signal für mangelnde Kontinuität und Führung.

Keine Lust auf Wiederholung

Die Idee, das Volk erneut zu den Wahlurnen zu rufen, stößt bei den Franzosen auf breite Ablehnung. Laut verschiedenen Umfragen sprechen sich zwischen 59 und 65 % gegen eine erneute Auflösung des Parlamentes aus. Besonders deutlich ist die Ablehnung unter den Wählern von Macrons Lager (80 %) und der konservativen Republikaner (68 %). Diese Zahlen deuten auf eine tiefere politische Ermüdung hin: Die Bevölkerung wünscht sich keine institutionellen Machtspiele mehr, sondern stabile, lösungsorientierte Politik.

Das Rassemblement National – Gewinner im politischen Vakuum

In dem durch die Auflösung entstandenen Vakuum konnte vor allem eine politische Kraft profitieren: das rechtsextreme Rassemblement National (RN). Sollte es zu Neuwahlen kommen, liegt es in den Umfragen mit 32,5 bis 33 % der Stimmen klar vorne. Das linke Bündnis Nouveau Front Populaire käme auf etwa 21 %, die Präsidentenkoalition auf nur 15,5 %. Für 42 % der Befragten ist der RN der eindeutige Gewinner dieser politischen Krise. Damit hat sich Macrons Kalkül, durch eine Neuwahl den Aufstieg der extremen Rechten zu bremsen, ins Gegenteil verkehrt.

Ein Präsident im Rückzugsmodus

Emmanuel Macron selbst hat inzwischen eingeräumt, dass seine Entscheidung nicht die erhoffte Wirkung gezeigt hat. In seiner Neujahrsansprache Ende 2024 sprach er von einer Maßnahme, die „mehr Instabilität als Ruhe“ gebracht habe. Auch wenn sein Umfeld weiterhin betont, die Auflösung sei notwendig gewesen, um eine politische Blockade zu lösen, ist das Vertrauen in seine strategische Führung nachhaltig beschädigt. Die Folge: ein Präsidentschaftsamt, das politisch geschwächt ist und kommunikativ in der Defensive operiert.

Die Zerrissenheit der V. Republik

Frankreich steht derzeit exemplarisch für die strukturellen Schwächen eines semi-präsidialen Systems, das stark auf persönliche Autorität zugeschnitten ist. Die Auflösung des Parlaments, einst als Ultima Ratio konzipiert, wurde von Macron als taktisches Instrument genutzt – mit dem Effekt, dass nicht nur seine eigene Position, sondern auch das Vertrauen in die institutionellen Mechanismen der V. Republik Schaden genommen hat. Die Diskrepanz zwischen demokratischem Anspruch und politischer Realität wächst.

Auf der Suche nach einem neuen Gleichgewicht

Die politischen Aussichten bleiben ungewiss. Zwar ist derzeit keine neue Auflösung geplant, doch mit Blick auf die Präsidentschaftswahl 2027 stellt sich die Frage, wie sich das Parteiensystem weiterentwickelt. Der RN scheint von seiner Rolle als Protestpartei zur machtpolitischen Option aufzusteigen. Sollte diese Entwicklung anhalten, wird Frankreich gezwungen sein, sich mit bislang undenkbaren Koalitionen oder gar institutionellen Reformen auseinanderzusetzen – etwa mit der Stärkung des Parlaments, der Einführung von Referenden oder der Aufwertung lokaler Entscheidungsebenen.

Zugleich mehren sich die Stimmen, die vor einer republikanischen Abwehrfront gegen den RN warnen – nicht zuletzt in Hinblick auf die dramatischen Erfahrungen aus der Zwischenkriegszeit und der Vierten Republik. Ob eine solche Allianz zustande kommt, hängt allerdings maßgeblich davon ab, ob die traditionellen Parteien wieder Vertrauen in der Bevölkerung gewinnen und programmatisch Anschluss an die gesellschaftliche Mitte finden können.

Frankreich hat ein Jahr des politischen Selbstverlusts hinter sich. Die Auflösung, gedacht als Impuls zur Erneuerung, hat vielmehr die Fragilität der politischen Ordnung offengelegt. Die Bevölkerung ist unzufrieden, die Mehrheiten instabil, und der politische Gegner stärker denn je. Was bleibt, ist ein Vakuum – und die Suche nach einem neuen Narrativ für die Republik.

Autor: MAB

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