Saint-Tropez hielt den Atem an. An diesem Mittwoch, 8. Januar, versammelt sich Frankreich in jenem Küstenort, der über Jahrzehnte untrennbar mit einem Namen verbunden war: Brigitte Bardot. Nicht auf der Leinwand, nicht im Blitzlichtgewitter, sondern auf dem letzten Weg. Still. Würdevoll. Genau so, wie sie es sich gewünscht hatte.
Ein Sarg aus Rattan, bedeckt mit schlichten Feldblumen, wird durch die engen Gassen getragen. Kein Prunk, keine Inszenierung. Als der Trauerzug unter dem Applaus der Anwesenden langsam Richtung Meeresfriedhof zieht, scheint Saint-Tropez für einen Moment aus der Zeit gefallen. Bardot wird dort beigesetzt, neben ihren Eltern, unweit ihres ersten Ehemanns Roger Vadim. Ein letzter Rundgang durch den Ort ihres Herzens, den sie berühmt machte und der sie zugleich schützte.
Am Vormittag zuvor hatte in der Kirche Notre-Dame de l’Assomption die offizielle Trauerzeremonie stattgefunden. Nur 400 Gäste waren zugelassen. Freunde, Vertraute, politische Persönlichkeiten. Unter ihnen Marine Le Pen, aber auch zahlreiche Vertreter des Tierschutzes – jenes Engagements, das Bardots Leben in seinen späteren Jahrzehnten prägte wie kaum etwas anderes. Für viele war sie weniger Filmlegende als moralische Instanz, unbequem, laut, manchmal sperrig. Aber immer konsequent.
Alain Bougrain-Dubourg, Präsident der französischen Vogelschutzliga, beschreibt sie als jene Frau, die es vermocht habe, das Gewissen der Nation zu erschüttern, bis in die höchsten Ebenen der Republik. Eine große Aussage, die im Raum stehen bleibt. Und doch trifft sie den Kern. Bardot war keine Aktivistin der leisen Töne. Sie polarisierte, provozierte, ging frontal in die Auseinandersetzung. Auch international. Paul Watson, Ikone des radikalen Meeresschutzes, würdigt sie als weltweite Symbolfigur für den Einsatz zugunsten der Tiere. Frankreich habe mit ihr ein Gesicht in die Welt getragen, das weit über Kino und Mode hinausreichte.
Draußen, vor der Kirche, verfolgen Hunderte die Zeremonie auf Großbildschirmen. Menschen aus allen Teilen des Landes sind angereist. Manche stehen schweigend da, andere weinen offen. Einige haben ihre Hunde mitgebracht, Katzen in Transportboxen, sogar Kleintiere. Das wirkt auf den ersten Blick ungewöhnlich. Dann fast logisch. Bardot hätte das gefallen. „Sie hat nur Liebe verbreitet“, sagt ein Mann mit brüchiger Stimme. Eine Frau ergänzt, Bardot habe Frauen Mut gemacht, auch jenen, die nie einen ihrer Filme im Kino gesehen hätten. Da entsteht, ganz ohne große Worte, eine Verbindung zwischen Generationen.
Im Inneren der Kirche wechseln sich die musikalischen Beiträge ab. Besonders still wird es, als Mireille Mathieu a cappella für ihre Freundin singt. Keine Bühne, kein Orchester, nur Stimme. Mathieu nennt Bardot „Frankreich in der Welt“. Ein Satz, der groß klingt und doch erstaunlich präzise wirkt. Bardot war Projektionsfläche, Reizfigur, Sehnsuchtsbild. Und zugleich jemand, der sich entzog, sobald es ihr zu laut, zu hohl, zu fremd wurde.
Man vergisst leicht, wie früh sie sich zurückzog. Mit 39 Jahren kehrte sie dem Film den Rücken. Andere hätten ihre Karriere verlängert, sie nicht. Stattdessen wählte sie den Rückzug nach Saint-Tropez, in ein Leben, das nach außen stiller wirkte, nach innen jedoch kämpferischer wurde. Pelzindustrie, Robbenjagd, Massentierhaltung – Bardot scheute keine Konfrontation. Sie sagte Dinge, die andere lieber umschifften. Das brachte ihr Bewunderung und scharfe Kritik ein. Beides nahm sie hin, mit einer Mischung aus Sturheit und Klarheit, die man heute nur noch selten findet.
Saint-Tropez wird in diesen Stunden wieder zu dem Ort, der es für sie immer gewesen ist: Rückzugsraum und Bühne zugleich. Die kleine Stadt im Var, heute globales Symbol für Glamour, verdankt ihr diesen Status. Und doch scheint es, als habe man ihr an diesem Tag etwas zurückgegeben. Keine Kameras auf Abstand, kein Starvehikel. Nur Menschen, die klatschen, schweigen, sich umarmen. Das Leben, wie es ist.
Bardot hat sich nie angepasst. Sie wollte geliebt werden, ja, aber nicht um jeden Preis. Ihre Widersprüche trug sie offen, ihre Brüche ebenso. Vielleicht erklärt das, warum ihr Abschied so viele bewegt. Nicht trotz, sondern wegen ihrer Unbequemlichkeit. Sie war nie nur schön. Sie war laut, verletzlich, hartnäckig. Ein Mensch, keine Statue.
Der Abschied in Saint-Tropez ist einfach. Warm. Menschlich. Kein Schlussakkord, eher ein Verklingen. Und irgendwo zwischen Meer, Blumen und Applaus bleibt das Gefühl, dass diese Frau auch im Tod ihren eigenen Weg gegangen ist. Ganz Bardot eben. Und das ist, ehrlich gesagt, ziemlich beeindruckend.
Von C. Hatty