Am 17. Mai 2025, dem Internationalen Tag gegen Homophobie, setzte Paris ein Zeichen, das weit über seine Stadtgrenzen hinausstrahlt: Ein neues Denkmal in den Gärten des Port de l’Arsenal, ganz in der Nähe der Place de la Bastille, ehrt die homosexuellen Opfer der nationalsozialistischen Deportationen – und alle LGBT+-Menschen, die im Lauf der Geschichte verfolgt wurden.
Der Ort wurde mit Bedacht gewählt. Zwischen den Schatten der Vergangenheit und der symbolträchtigen Bastille erhebt sich nun eine mächtige Skulptur: Eine sternförmige, schwarze Stahlkonstruktion, entworfen vom Künstler und Aktivisten Jean-Luc Verna. Drei Tonnen schwer, zweigesichtig – und voller Bedeutung.
Die eine Seite ist tiefschwarz, rau und düster – ein Bild des Schmerzes, des Todes, der verbrannten Körper. Ihre Schatten erinnern daran, wie schnell Hass wieder wachsen kann. Die andere Seite: glänzender, polierter Stahl, der das Pariser Himmelslicht reflektiert – Sinnbild für Wandel, Aufklärung und Hoffnung.
Doch warum jetzt? Warum erst jetzt?
Die Geschichte der homosexuellen Deportationen war lange ein weißer Fleck im kollektiven Gedächtnis. Zwischen 5.000 und 15.000 Menschen wurden in Europa während des Zweiten Weltkriegs wegen ihrer sexuellen Orientierung verschleppt. In Frankreich gehen Schätzungen von 60 bis 200 Betroffenen aus. Offiziell anerkannt wurde dieses Kapitel erst zu Beginn des neuen Jahrtausends: Lionel Jospin erwähnte es 2001, Jacques Chirac bekräftigte es 2005. Ziemlich spät für ein so schweres Verbrechen, oder?
Im Vergleich zu anderen Städten wie Amsterdam, Barcelona oder Sydney, die auf das Symbol des rosa Dreiecks setzten – jenes Abzeichens, das Homosexuelle in Konzentrationslagern tragen mussten – wählte Paris einen anderen Weg. Das Denkmal soll nicht nur die Vergangenheit abbilden, sondern auch jene Menschen einschließen, die heute noch wegen ihrer Identität leiden. Und das sind nicht wenige.
Anne Hidalgo, die Bürgermeisterin von Paris, brachte es bei der Einweihung auf den Punkt: „Anerkennen heißt sagen: ‚Das ist geschehen‘. Und zugleich: ‚Wir lassen es nicht wieder zu.‘“ Eine klare Botschaft in Zeiten, in denen rechte Tendenzen wieder salonfähig zu werden scheinen.
Auch Jean-Baptiste Trieu, Präsident der Vereinigung „Les Oublié.es de la mémoire“, fand eindringliche Worte: „Rechte sind nie endgültig. Hass erfindet sich ständig neu. Unsere Verantwortung ist, gemeinsam wachsam zu bleiben.“ Was für ein Appell! In einer Welt, in der in etlichen Ländern LGBT+-Rechte wieder zurückgedreht werden, wirkt dieser Gedenkort fast wie ein stiller Protest – aber mit starker Stimme.
Der neue Gedenkort ist nicht nur ein stilles Denkmal, sondern auch ein pädagogisches Werkzeug. Er lädt ein, stehenzubleiben. Nachzudenken. Fragen zu stellen. Was hätte man selbst getan in jener Zeit? Und was tut man heute?
Gerade junge Menschen, für die der Zweite Weltkrieg eine abstrakte Vergangenheit ist, finden hier einen Zugang zur Geschichte, der über Schulbücher hinausgeht. Die polierte Oberfläche der Skulptur spiegelt nicht nur den Himmel – sondern auch die Gesichter der Betrachtenden. Ein Symbol dafür, dass Erinnerung immer auch ein Spiegel der Gegenwart ist.
Die Stadt Paris zeigt mit diesem Projekt nicht nur Engagement für historische Aufarbeitung, sondern auch für die Zukunft. Denn Erinnerung ist keine Last – sie ist eine Verpflichtung. Und ein Werkzeug gegen das Vergessen.
Wer heute durch die Gärten des Port de l’Arsenal geht, sieht mehr als nur eine Skulptur. Man spürt einen stillen Ruf zur Menschlichkeit. Ein Ruf, der sagt: Seht hin. Hört zu. Und steht auf, wenn wieder jemand wegen seiner Identität ausgegrenzt wird.
Von Andreas M. Brucker