Es ist einer dieser Wintertage, an denen die Schönheit der Berge trügt. Die Sonne steht klar über den Gipfeln, der Schnee glitzert, die Pisten wirken einladend – und doch genügt ein einziger Schwung abseits der markierten Strecke, um aus Freizeit tödlichen Ernst zu machen. Am Donnerstag, dem 18. Dezember, ist im Skigebiet Les Arcs in der französischen Savoie genau das geschehen. Ein 24 Jahre alter britischer Skifahrer kam bei einer Abfahrt im freien Gelände ums Leben.
Der junge Mann war gemeinsam mit einem Freund unterwegs, beide hatten sich für eine Abfahrt abseits der präparierten Pisten entschieden. Hors-piste, nennen es die Franzosen, Freeride die Szene – ein Begriff, der Freiheit verspricht, Weite, Unberührtheit. Tatsächlich aber auch Steilheit, Unberechenbarkeit und Risiken, die sich nicht durch farbige Markierungen zähmen lassen.
Der Unfall ereignete sich im Sektor Chavonnes, einem Bereich des weitläufigen Skigebiets von Les Arcs, der unter Kennern für seine anspruchsvollen Couloirs bekannt ist. Dort, in einem besonders steilen Hang, verlor der junge Brite die Kontrolle. Er stürzte, rutschte, überschlug sich – und fiel fast 300 Meter tief den Hang hinunter. Eine Tatsache, die selbst erfahrene Bergretter kurz innehalten lässt.
Als die Rettungskräfte eintrafen, befand sich der Skifahrer bereits im Herzstillstand. Trotz schneller Hilfe, trotz aller medizinischen Maßnahmen vor Ort gelang es nicht, ihn zu reanimieren. Er starb noch am Unfallort.
Sein Begleiter hatte mehr Glück – und doch bleibt auch seine Geschichte eine von Angst und Grenzerfahrung. Der Freund des Verunglückten konnte den Sturz nicht verhindern, blieb selbst im Couloir blockiert, unfähig weiterzufahren, gefangen zwischen Fels und Schnee. Erst per Hubschrauber wurde er aus der steilen Rinne geborgen. Körperlich unverletzt, aber man darf annehmen: innerlich erschüttert.
Solche Unfälle treffen die Alpenregionen jeden Winter. Und doch wirkt jeder einzelne wie ein Riss in der winterlichen Postkartenidylle. Les Arcs, Teil des Skigebiets Paradiski, gehört zu den bekanntesten Destinationen der französischen Alpen. Moderne Liftanlagen, weite Pisten, internationales Publikum. Viele Gäste kommen gerade wegen der Möglichkeiten jenseits der offiziellen Abfahrten. Der Reiz des Unberührten, des eigenen Weges durch den Schnee – er gehört längst zur Kultur des alpinen Skisports.
Gleichzeitig ist das Gelände abseits der Pisten kein regelfreier Raum, sondern einer, der besondere Erfahrung, Kenntnis der Bedingungen und Respekt vor der Natur verlangt. Steile Couloirs wie jener in Chavonnes verzeihen keine Fehler. Ein falscher Kanteneinsatz, eine kleine Eisplatte unter Neuschnee, ein Moment der Unachtsamkeit – und aus Kontrolle wird Fall.
In diesem Fall war es kein Lawinenabgang, kein Zusammenbruch einer Schneedecke, sondern ein Sturz, ein „Dévissage“, wie die französischen Medien schreiben: das unkontrollierte Abrutschen in steilem Gelände. Für Außenstehende klingt das beinahe harmlos. In Wirklichkeit beschreibt es eine der gefährlichsten Situationen im Hochgebirge.
Die Behörden haben eine Untersuchung eingeleitet, um die genauen Umstände des Unfalls zu klären. Solche Ermittlungen folgen einem festen Muster, sie prüfen Wetterbedingungen, Geländebeschaffenheit, Ausrüstung, mögliche Warnhinweise. Nicht, um Schuldige zu finden, sondern um zu verstehen. Und um aus Tragödien Lehren zu ziehen, auch wenn diese Lehren oft schmerzhaft banal ausfallen.
Denn am Ende steht meist die Erkenntnis, dass die Berge nichts versprechen und nichts vergeben. Sie reagieren nicht auf Mut, nicht auf Erfahrung, nicht auf jugendliche Unbekümmertheit. Sie sind einfach da.
Für die Angehörigen des jungen Briten beginnt nun eine Zeit, in der Fragen unbeantwortet bleiben. Warum dieser Hang? Warum an diesem Tag? Warum überhaupt abseits der Piste? Fragen, die niemand zufriedenstellend beantworten kann. Für Freunde und Mitreisende bleibt die Erinnerung an einen Skitag, der anders hätte enden sollen. Und für die Region ein weiterer Eintrag in eine Statistik, die niemand führen möchte und doch jedes Jahr neu geschrieben wird.
Manchmal hört man in Skihütten nach solchen Nachrichten Sätze wie: „Das hätte jedem passieren können.“ Das stimmt – und trifft doch nicht den Kern. Denn es passiert nicht jedem. Es passiert denen, die den Schritt aus der gesicherten Zone wagen, bewusst oder unbewusst. Das ist kein Vorwurf, eher eine nüchterne Feststellung.
Der Tod dieses 24-Jährigen wirft kein neues Licht auf den alpinen Skisport. Aber er erinnert daran, wie schmal der Grat zwischen Freiheit und Gefahr verläuft. Und dass die Entscheidung für den nächsten Schwung manchmal die letzte sein kann.
Autor: Daniel Ivers