Wer an einem milden Dezemberabend durch das Zentrum von Ajaccio schlendert, hört normalerweise das Klirren der Gläser aus den Bars, das Murmeln der Passanten, das sanfte Rollen der Wellen am nahen Hafen. Doch an jenem Samstag, dem 20. Dezember, kippte die Stimmung in wenigen Minuten – und verwandelte die belebte Innenstadt in einen Schauplatz, der viele Zeugen noch lange beschäftigen wird.
Ein junger Mann, 26 Jahre alt, senegalesischer Staatsbürger mit Studentenvisum, rennt durch die Straßen. In der Hand: ein Messer, dessen Klinge in den Handyvideos der Umstehenden aufblitzt. Was mit einer kleinen Auseinandersetzung in einem Barraum begonnen haben soll, steigerte sich plötzlich zu einer gefährlichen Jagd, die nur hundert Meter weiter tödlich endete.
Die Polizei trifft schnell ein. Drei Beamte verfolgen den Mann, rufen ihm zu, er solle stehen bleiben, die Waffe fallen lassen. Doch er läuft weiter, wie getrieben, und die Kommandos verhallen zwischen den Fassaden der Altstadt. Der Einsatzleiter ordnet an, den Taser einzusetzen – ein Mittel, das in Frankreich seit Jahren diskutiert wird, weil es einerseits deeskalierend wirken soll, andererseits bei aggressiven oder unter Adrenalin stehenden Personen oft verpufft. Genau das passiert auch hier.
Ein Pâtissier, der die Szene durch sein Schaufenster beobachtet, schildert später, wie der Mann offenbar kaum auf die Stromstöße reagierte. Mehrfach trafen ihn die Impulse, doch er stolperte nicht einmal. Stattdessen griff er nach Aschenbechern, schlug sie auf den Boden, als wolle er sich improvisierte Waffen schaffen. Ein Schauspiel, das den Zeugen einen Schauer über den Rücken jagte. „Sie konnten ihn überhaupt nicht stoppen“, sagt der Ladenbesitzer – eine Mischung aus Fassungslosigkeit und leichter Wut schwingt mit.
Es ist diese Phase des Geschehens, in der sich die Rollen von Täter und Umfeld ineinander verschieben. Denn plötzlich greifen nicht nur die Polizisten ein, sondern auch zufällige Gäste eines Bar-Restaurants. Unter ihnen Felix Bonardi, der eine Szene beschreibt, die fast surreal wirkt. Der Angreifer rennt auf ihn zu, die Klinge in der Hand, mit einer Kraft, die Bonardi erstaunt: „Er war schnell, und als ich die große Klinge sah, dachte ich nur: jetzt oder nie.“ Er reißt einen Stuhl hoch und schlägt zu – ein einziges, hartes Manöver, das den Mann aus dem Gleichgewicht bringt. Andere Gäste werfen eine Tischplatte in seine Richtung. Gemeinsam gelingt es ihnen, ihn zu Fall zu bringen.
Für einen Moment scheint die Lage unter Kontrolle, als hätte die Stadt selbst eingegriffen, um sich zu verteidigen. Doch diese kleine Atempause hält nur kurz. Der Mann richtet sich wieder auf, und jetzt geschieht das, was der spätere Polizeibericht detailliert festhält: Er hebt das Messer erneut, richtet es gegen einen der Beamten, der unmittelbar vor ihm steht. Ein Kollege aus derselben Patrouille – Sekundenentscheidungen, Adrenalin, Pflichtgefühl – zieht seine Dienstwaffe und feuert drei Schüsse ab. Jeder einzelne trifft den Oberkörper des Angreifers.
Wenige Minuten später stirbt der Mann an seinen Verletzungen.
Der Staatsanwalt von Ajaccio, Nicolas Septe, tritt am Abend vor die Presse. Seine Worte sind nüchtern, aufgeräumt, beinahe chirurgisch präzise – eine Haltung, die in solchen Momenten Schutz bietet vor vorschnellen Spekulationen. Er bestätigt, dass der Mann den Polizisten bedroht habe. Drei Schüsse, eine lebensbedrohliche Lage, die Anwendung der Schusswaffe: Für die Ermittler ergibt sich ein Ablauf, der juristisch zunächst klar eingeordnet wird. Doch die Ermittlungen laufen weiter, wie immer in Fällen von polizeilichem Schusswaffengebrauch.
Die Frage nach dem „Warum?“ schwebt über diesem Fall wie ein grauer Winterhimmel. Was trieb einen jungen Mann, der einen regulären Aufenthaltstitel hatte, durch die Straßen Ajaccios? War es eine psychische Krise, eine Kurzschlusshandlung, ein plötzlicher Kontrollverlust? Fest steht nur eines: Die Ermittler haben die Terrorhypothese schnell ausgeschlossen – ein wichtiger Hinweis, der die Korsen zumindest von einer Sorge befreit, die in den letzten Jahren oft mitschwang, wenn Gewalt die Insel erschütterte.
Doch auch ohne dieses Etikett bleibt die Tat ein beunruhigendes Ereignis. Sie führt vor Augen, wie schmal der Grat sein kann zwischen alltäglicher Normalität und einer eskalierenden Situation, die binnen Minuten Leben gefährdet und am Ende eines davon auslöscht. Wer in Ajaccio an diesem Abend unterwegs war, spricht später von einer Mischung aus Angst, Hilflosigkeit und diesem fast körperlichen Erstaunen, wenn das, was sonst nur in Nachrichtenbildern vorkommt, plötzlich unmittelbar vor einem geschieht.
Für die Polizei beginnt nun die akribische Aufarbeitung. Für die Bevölkerung bleibt ein Tag, der sich eingebrannt hat. Und für die Gastronomie an der Straßenecke, für den Pâtissier, für Felix Bonardi – all jene, die sich in diesen Minuten im Radius der Tat befanden – bleibt ein Gefühl, das schwer zu greifen ist und noch schwerer zu vergessen.
Ein Abend, an dem eine Stadt für einen Moment den Atem anhielt.
Autor: C.H.