Vichy – 27.09.2026: In seinem zweiten Langfilm "Notre salut" erzählt der Regisseur Emmanuel Marre die Geschichte seines Urgroßvaters Henri Marre, der während der deutschen Besatzung zum Beamten des Vichy-Regimes aufstieg. Als Grundlage dienen Briefe des Ehepaars Marre aus jener Zeit. Der Film, der am 30. September in Frankreich startet, verfolgt den Weg eines wirtschaftlich gescheiterten Mannes in den Dienst einer autoritären Verwaltung.
Henri Marre kommt im Herbst 1940 ohne gesicherte Stellung nach Vichy. Im Gepäck hat er ein im Selbstverlag veröffentlichtes politisches Traktat namens "Notre salut". Darin verbindet er nationalistische Vorstellungen mit dem Anspruch technokratischer Effizienz. Die neue Ordnung des sogenannten französischen Staates erscheint ihm als Gelegenheit, persönliche Anerkennung und beruflichen Aufstieg zu gewinnen.
Der Regisseur verzichtet nach eigener Darstellung bewusst auf eine detailgetreue historische Kulisse. Stattdessen richtet er den Blick auf Amtsabläufe, Schriftstücke und kleine Verwaltungsentscheidungen. Diese Perspektive macht sichtbar, wie die Kollaboration durch Beamte, örtliche Funktionäre und bürokratische Routinen praktisch vollzogen wurde. Marre interessiert sich weniger für die bekannten Köpfe des Regimes als für jene zahlreichen Mitarbeiter, ohne die dessen Politik nicht umsetzbar gewesen wäre.
Nach Angaben des Filmfestivals von Cannes arbeitete Henri Marre an der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit. Zu seinen Aufgaben gehörten die Erfassung ausländischer Arbeitskräfte und die Zuweisung jüdischer Menschen an besondere Arbeitsgruppen. So zeichnet der Film den Übergang von vorgeblich technischen Maßnahmen zu einer Verwaltungspraxis nach, die Ausgrenzung institutionell organisierte und Verfolgung vorbereitete.
Swann Arlaud spielt Henri Marre. Das Drehbuch folgt keiner vollständigen Biografie, sondern verarbeitet den familiären Nachlass frei. Emmanuel Marre verbindet private Korrespondenz mit dokumentarisch anmutenden Bildern und verweigert seiner Hauptfigur eine nachträgliche psychologische Entlastung. Henri erscheint weder als dämonische Ausnahmegestalt noch als passives Rädchen, sondern als ehrgeiziger Mann, der sich bewusst in den Dienst des Regimes stellt.
Aufmerksamkeit erhielt "Notre salut" bereits im Mai, als der Film im Wettbewerb des Filmfestivals von Cannes gezeigt wurde. Die französische Liga für Menschenrechte unterstützt nun den Kinostart und hebt die Darstellung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit dem Vichy-Staat hervor. Für die Organisation hat der Stoff eine eigene historische Dimension: Das Regime löste sie 1940 auf; ihr früherer Präsident Victor Basch wurde 1944 gemeinsam mit seiner Frau Ilona von Angehörigen der Miliz ermordet.
Marres Familiengeschichte eröffnet damit einen Zugang zur institutionellen Seite der Kollaboration. Der Film fragt, wie persönliche Ambition, soziale Anpassung und bürokratisches Denken ineinandergreifen konnten. Seine Antwort liegt in den überlieferten Briefen und Verwaltungsakten eines Mannes, dessen Karriere von der neuen Ordnung profitierte.
Quellen
- Franceinfo
- Festival de Cannes
- Centre national du cinéma et de l'image animée
- Ligue des droits de l'homme
- Le Monde
Artikel mit Hilfe künstlicher Intelligenz erstellt (Transparenzhinweis im Sinne von Artikel 50 der Verordnung (EU) 2024/1689 – EU AI Act).