Die kleine Gemeinde Hauts-de-Bienne im französischen Jura wird diesen Mittwochabend nicht vergessen.
Eine 55-jährige Frau wurde gegen Ende des Nachmittags vor ihrem Wohnhaus erschossen – mitten auf der Straße, vor Zeugen, aus ihrem Leben, das dort endete.
Der Täter: Ihr Ex-Partner, ebenfalls 55 Jahre alt. Er wurde kurz darauf festgenommen und sitzt in Polizeigewahrsam.
Ein Mord, der wie ein grausames Echo dessen klingt, was in Frankreich statistisch längst Alltag geworden ist.
Zwei Schüsse – Gesicht und Brust
Die Frau lebte mit ihrem Bruder in einer Wohnung der Gemeinde. Mutter von drei Kindern, getrennt vom mutmaßlichen Täter, der seit der Trennung nach Portugal gezogen war und schon länger nicht mehr im Ort gesehen wurde. Nach bisherigen Ermittlungsergebnissen trafen sie zwei Kugeln aus einem Revolver – eine ins Gesicht, eine unter das Schlüsselbein.
Kein Wortgefecht. Kein Streit kurz zuvor. Keine Vorwarnung?
Die Gendarmerie betont, dass sie zu keinem Zeitpunkt über häusliche Gewalt in dieser Beziehung informiert gewesen sei.
„Es wirkt so unwirklich“
Laurent Petit, der Bürgermeister von Hauts-de-Bienne, sprach am Abend von Fassungslosigkeit: „Das ist ein schreckliches Drama. Es wirkt so unwirklich.“
Kaum jemand in der Gemeinde kann begreifen, wie ausgerechnet hier, in diesem ruhigen Winkel Frankreichs, ein solcher Mord geschehen konnte. In der Mairie wurde eine psychologische Betreuung für Zeugen und Angehörige eingerichtet.
Für Ende der Woche plant die Gemeinde eine stille Gedenkveranstaltung – einen Marsch, um der Toten zu gedenken.
Die bittere Realität hinter der Tat
Und wieder stellt sich dieselbe Frage: Wie viele Frauen müssen noch sterben, bevor sich grundlegend etwas ändert?
Im Jahr 2024 wurden in Frankreich mindestens 94 Frauen von ihrem (Ex-)Partner getötet. Diese Zahl stammt vom Kollektiv „Féminicides par compagnons ou ex“, das solche Fälle dokumentiert. Andere Organisationen wie das Inter Orga Féminicides (IOF), zu dem auch „NousToutes“ gehört, berichten von insgesamt 137 Feminiziden im selben Jahr. Die Unterschiede in den Zahlen ergeben sich aus unterschiedlichen Definitionen und Erfassungsmethoden. Zahlen, die im Raum stehen wie eine Anklage gegen ein System, das trotz Notrufnummern, Unterkünften und Präventionskampagnen viele Frauen nicht erreicht – oder zu spät.
Ermittlungen laufen – was bleibt unentdeckt?
Die Polizei von Saint-Claude untersucht nun die genauen Hintergründe dieses Mordes. Offiziell lautet der Tatvorwurf derzeit „vorsätzliche Tötung“. Neben der strafrechtlichen Aufarbeitung stellt sich den Ermittlern eine zweite Aufgabe: Gab es Signale, die unbemerkt blieben? Hätte etwas verhindert werden können? Fragen, auf die Angehörige selten Antworten finden. Und die die Justiz jedes Mal erneut beschäftigen.
Kein Einzelfall, sondern ein strukturelles Problem
Auch wenn dieser Mord schockiert – er reiht sich ein in eine lange Liste. Ein strukturelles Problem, sagen Fachleute, das keine Gemeindegrenzen kennt, keine Schicht und kein Bildungsniveau ausschließt.
Prävention, Strafverfolgung, Sensibilisierung – alles wichtige Bausteine. Doch solange patriarchale Gewaltmuster weiterwirken, bleibt jede getötete Frau ein Mahnmal. Denn am Ende geht es nicht nur um Statistiken. Es geht um Leben, die brutal ausgelöscht werden. Um Kinder, die ohne Mutter zurückbleiben. Um Familien, die für immer Narben tragen.
Und um eine Gesellschaft, die sich fragen muss: Wollen wir wirklich weiter zuschauen?
Autor: C.H.