Vier Jahrzehnte sind vergangen, doch der Mord an dem kleinen Grégory Villemin bleibt ein offenes Wundmal in der französischen Justizgeschichte. Jetzt steht Jacqueline Jacob, die Großtante des getöteten Jungen, wieder im Fokus der Ermittlungen.
Die Justiz rollt den Fall neu auf – mit weitreichenden Folgen.
Am 18. Juni 2025 ordnete die Strafkammer des Berufungsgerichts in Dijon die erneute Vernehmung von Jacqueline Jacob an – mit Blick auf eine mögliche Anklage wegen Bildung einer „kriminellen Vereinigung“.
Eine Wendung, die selbst für langjährige Beobachter des Falls überraschend kommt.
Die 80-jährige Rentnerin wird verdächtigt, hinter mehreren anonymen Drohbriefen zu stecken, die an die Familie Villemin geschickt wurden – sowohl vor als auch nach dem Mord an Grégory im Jahr 1984.
Was belastet sie?
In erster Linie: grafologische und stilometrische Gutachten. Diese Analysen sollen mit hoher Wahrscheinlichkeit belegen, dass Jacqueline Jacob die Autorin mehrerer anonymer Schreiben war – darunter auch jener Brief, des Urheber:in den Mord explizit für sich beanspruchte.
Klingt nach einem Durchbruch?
Nicht ganz.
Denn sowohl die grafologische Handschriftenanalyse als auch die stylometrische Textuntersuchung stehen in der Kritik. Die Methoden gelten als interpretativ, subjektiv – und alles andere als narrensicher. Und wenn sich die Experten schon nicht einig sind: Was bleibt dann noch von der Beweislage?
Jacqueline Jacob ist keine Unbekannte in diesem Fall.
Bereits 2017 war sie – gemeinsam mit ihrem Ehemann Marcel Jacob – wegen des Verdachts der Entführung und Freiheitsberaubung mit Todesfolge angeklagt worden. Doch das Verfahren platzte 2018 – aus formalen Gründen. Die Ermittlungsrichterin hatte damals allein entschieden, ohne die vorherige Zustimmung der zuständigen Kammer. Ein Verstoß gegen geltende Verfahrensregeln. Die Folge: Annullierung der gesamten Maßnahmen.
Jacqueline Jacob hat stets jede Beteiligung am Mordfall bestritten.
Ihre Anwälte gehen nun in die Offensive: Die neue Anklage wegen „krimineller Vereinigung“ sei juristisch fragwürdig – denn diese Straftat habe 1984 schlicht noch nicht existiert.
Ein Verstoß gegen das Rückwirkungsverbot im Strafrecht? Möglich. Zumindest dürfte die Frage juristisch Wellen schlagen.
Doch nicht nur die Verteidigung zweifelt. Auch innerhalb der Justiz herrscht Uneinigkeit.
Während die Strafkammer die neuen Indizien für belastend genug hält, lehnt der Generalstaatsanwalt Philippe Astruc die neue Maßnahme ab. Seiner Einschätzung nach reichen die Beweise nicht für eine Anklage – es fehle an gravierenden oder übereinstimmenden Indizien.
Ein tiefes Zerwürfnis zwischen Ermittlungs- und Anklagebehörde also? Jedenfalls ein deutliches Zeichen dafür, wie schwierig und emotional aufgeladen dieses Verfahren bis heute ist.
Die Wunde, die nie heilt
Grégory Villemin wurde am 16. Oktober 1984 tot in dem Fluß Vologne aufgefunden – gefesselt, mit einer Mütze ins Wasser gedrückt. Vier Jahre war er alt.
Dieser Mord erschütterte ganz Frankreich.
Seitdem wurden unzählige Spuren verfolgt, Verdächtige vernommen, Theorien gewälzt – doch ein rechtskräftiges Urteil? Fehlanzeige. Der Fall wurde zur Ikone des ungelösten Verbrechens in Frankreich. Zur Tragödie mit Fortsetzungen. Und zu einem Justizdrama, das längst auch eine gesellschaftliche Dimension erreicht hat.
Für die Eltern von Grégory, Jean-Marie und Christine Villemin, ist die neue Entwicklung eine Hoffnung – so klein sie auch sein mag.
Sie sehen in der Vernehmung von Jacqueline Jacob einen möglichen Schritt zur Wahrheit. Einen neuen Versuch, dem Schatten endlich einen Namen zu geben. Denn: Die Zeit heilt nicht alle Wunden. Und manche Wahrheiten lassen sich nicht begraben – egal wie viel Gras darüber gewachsen ist.
Ob diese Ermittlungen tatsächlich zur Aufklärung beitragen – das bleibt offen. Was aber bleibt, ist das Bild einer Justiz, die nicht aufgibt. Die selbst nach 40 Jahren noch einmal zurückkehrt an den Tatort – mit neuen Gutachten, altem Misstrauen und einer großen Portion Ungewissheit.
Doch genau darin liegt vielleicht die wahre Tragik dieses Falls: Dass man ihm kaum noch mit Fakten begegnen kann, ohne in Spekulationen abzudriften. Dass jede neue Entwicklung ebenso viel Hoffnung wie Misstrauen erzeugt. Und dass am Ende niemand weiß – ob das letzte Kapitel wirklich schon geschrieben ist.
Von C. Hatty
Quellen:
https://www.lepoint.fr/societe/affaire-gregory-la-justice-se-dechire-autour-de-la-convocation-de-jacqueline-jacob-19-06-2025-2592476_23.php
https://www.lepoint.fr/societe/affaire-gregory-qui-est-jacqueline-jacob-bientot-convoquee-par-la-justice-19-06-2025-2592429_23.php
https://www.ladepeche.fr/2025/06/20/affaire-gregory-sa-grand-tante-bientot-entendue-comment-un-vice-de-procedure-avait-mis-fin-aux-poursuites-contre-jacqueline-jacob-en-2017-12772653.php
https://www.ledauphine.com/faits-divers-justice/2025/06/19/affaire-gregory-jacqueline-jacob-reaffirme-sa-totale-innocence