Manchmal braucht es nur einen Tag, um Erinnerungen fürs Leben zu schaffen. Am 20. August 2025 wurde der Pariser Champ-de-Mars zur Bühne für genau so einen Tag – ein Sommermärchen für 80.000 Kinder aus aller Welt, die sonst oft übersehen werden, wenn es um Urlaub, Erholung und Abenteuer geht.
Sie kamen aus ganz Frankreich und 49 weiteren Ländern. Begleitet von Betreuer:innen, gefüllt mit Neugier, Hoffnung – und mit dem Wunsch, einfach mal Kind sein zu dürfen. Es war die „Journée des Oubliés des Vacances“, die „Ferien der Vergessenen“, diesmal in XXL – zum 80-jährigen Bestehen des Secours populaire français, der Hilfsorganisation, die sich seit ihrer Gründung in den Zeiten der Résistance für Menschen in Not einsetzt.
Die Veranstaltung trug einen passenden Titel: „Vacances de OUF“. Übersetzt heißt das so viel wie „abgefahrene Ferien“. Und genau das war es auch.
Vom Schloss bis zum Dschungelcamp
Schon früh am Morgen startete das Programm. Die Kinder entdeckten die Schätze der Hauptstadt: das Musée du Quai Branly mit seinen faszinierenden Kulturen, den prunkvollen Schlosspark von Versailles, den grünen Kosmos des Jardin des Plantes. Orte, die die meisten von ihnen sonst nur aus dem Fernsehen kannten - wenn überhaupt.
Dann, gegen Mittag, verwandelte sich der Champ-de-Mars – direkt vor dem Eiffelturm – in eine farbenfrohe Fantasiewelt. Es wurde gepicknickt, gelacht, gestaunt. In einem eigens aufgebauten „Ferien-Dorf“ konnten die Kinder zwischen verschiedenen Erlebniswelten wählen: vom Strandparadies über den Kletterwald bis hin zu einem imaginären Märchenreich mit Seifenblasen-Zauber, Bastelstationen und Traumreisen im Kopf.
160 Abenteuer, 10.000 Helfer
Am Nachmittag wurde es richtig lebendig. Über 160 Aktivitäten standen auf dem Plan: sportliche Herausforderungen, kreative Ateliers, Musik, Tanz – sogar ein Karaoke-Contest auf großer Bühne. Und mittendrin: prominente Sportler:innen, die mitmachten, mitjubelten und zeigten, dass Helden auch einfach Menschen sind, die anderen ihre Zeit schenken.
Ermöglicht wurde dieses riesige Fest durch 10.000 ehrenamtliche Helfer:innen und 160 Partnerorganisationen. Ein Kraftakt der Solidarität. Besonders bemerkenswert: der Einsatz der Kinderbewegung „Copain du Monde“. Kinder, die selbst benachteiligt sind, engagierten sich als Mitorganisatoren – sammelten Spenden, planten Mitmachaktionen, gestalteten das Programm. Eine Geste, die zeigt, dass Hilfe keine Einbahnstraße ist.
Urlaub ist kein Luxus
Hinter der Fröhlichkeit stand eine ernste Botschaft: Immer mehr Kinder in Frankreich und weltweit haben keine Chance auf Urlaub. Kein Tapetenwechsel, keine Entspannung, kein Abschalten vom Alltag. Für viele Familien ist selbst ein Tagesausflug unerschwinglich geworden.
Genau hier setzt die Idee der „vergessenen Ferien“ an. Sie macht sichtbar, was sonst im Verborgenen bleibt – und stellt eine einfache, aber grundlegende Frage:
Sollten Ferien nicht ein Recht für alle Kinder sein – und kein Privileg für wenige?
Das Secours populaire findet: Ja.
80 Jahre gelebte Menschlichkeit
Gegründet im Jahr 1945 aus der französischen Résistance heraus, steht der Secours populaire bis heute für den Kampf gegen Armut, soziale Ausgrenzung und Ungleichheit. Die „Journée des Oubliés des Vacances“ ist ein leuchtendes Symbol dieser Mission. Sie zeigt, was möglich ist, wenn Menschen zusammenkommen, um andere nicht zu vergessen.
Für die Kinder war es ein Tag voller Leichtigkeit, voller Freude – und voller Selbstvertrauen. Denn wenn die Welt dir nur einen Platz am Rand zuweist, ist so ein Tag wie ein Leuchtfeuer: Du bist nicht allein. Du wirst gesehen. Du bist wichtig.
Und nächstes Jahr?
Vielleicht nicht ganz so groß, vielleicht nicht direkt vorm Eiffelturm. Aber ja – es wird wieder eine solche Reise geben. Eine Reise in die Welt der Fantasie, der Freundschaft und der Solidarität.
Und wer weiß – vielleicht sind dann einige dieser Kinder selbst wieder mit dabei. Diesmal als Helfer:innen. Als Copains du Monde.
Denn das ist das Schöne an solchen Tagen: Sie pflanzen kleine Ideen in Kinderherzen, die später große Dinge bewegen.
Autor: Andreas M. Brucker