Sylvain Desclous bleibt seinem Stil treu. Nach Vendeur und De grandes espérances wagt er sich erneut an ein gesellschaftskritisches Drama, das diesmal in der gnadenlosen Welt des Baugewerbes spielt. Le Système Victoria, eine Adaption des gleichnamigen Romans von Éric Reinhardt, erzählt von einem Mann, der sich in einem System verliert, das stärker ist als er selbst. Ab dem 5. März im Kino.
Ein Mann zwischen Druck und Verführung
David, gespielt von Damien Bonnard, ist Bauleiter eines gigantischen Projekts in La Défense. Sein Alltag? Stress, Deadlines, Druck von oben – und das Gefühl, nie genug zu leisten. Während er Tag und Nacht auf der Baustelle kämpft, rückt sein Privatleben in den Hintergrund. Seine Frau und Tochter? Nur noch Schatten in seinem hektischen Leben.
Dann tritt Victoria (Jeanne Balibar) in sein Leben. Selbstbewusst, charismatisch, elegant – eine Frau, die weiß, was sie will. Als Personalchefin eines Großkonzerns spricht sie seine Sprache: Ehrgeiz, Kontrolle, Macht. David verfällt ihr mit Haut und Haaren, nicht ahnend, dass diese Affäre mehr ist als nur eine Flucht aus dem Alltag.
Verstrickt in ein tödliches Spiel
Zunächst scheint Victoria Davids Rettung zu sein. Sie gibt ihm Kraft, motiviert ihn, hält ihn auf Kurs. Doch je weiter die Beziehung fortschreitet, desto deutlicher wird: Sie ist nicht nur seine Geliebte – sie ist Teil des Systems, das ihn zerreibt. Während David glaubt, die Kontrolle zu behalten, zieht Victoria im Hintergrund geschickt die Fäden.
Der Film erzählt Davids Geschichte konsequent aus seiner Perspektive. Er, der starke, souveräne Bauleiter, wird Stück für Stück zu einem Spielball. Die Kamera fängt seinen Fall mit kühlen, präzisen Bildern ein: das hektische Treiben auf der Baustelle, die distanzierte Brutalität der Maschinen – und dann, im Kontrast, die lodernde Hitze seiner Affäre mit Victoria. Doch was als leidenschaftliche Flucht beginnt, entpuppt sich als Falle.
Zwischen Kapitalismus und Psychospiel
Le Système Victoria ist nicht nur ein Drama über Macht und Manipulation, sondern auch ein Kommentar auf die unbarmherzige Arbeitswelt. Sylvain Desclous zeigt, wie ein System Menschen verschlingt – und wie leicht sich persönliche Schwächen ausnutzen lassen. Besonders spannend: Die übliche Geschlechterdynamik wird umgedreht. Hier ist es nicht der Mann, der dominiert, sondern eine reife, kalkulierende Frau. Victoria ist keine emotionale Verführerin, sondern eine strategische Spielerin.
Doch trotz seiner starken Prämisse und eines überzeugenden Schauspielduos verliert der Film im letzten Drittel an Schwung. Die Handlung folgt allzu vorhersehbaren Bahnen, und die klassische Inszenierung verhindert, dass sich echte Spannung entfaltet. Man ahnt früh, wohin die Reise geht – und genau das raubt dem Film die letzte Wucht.
Fazit
Mit Le Système Victoria liefert Sylvain Desclous ein scharf gezeichnetes Drama über Macht, Abhängigkeit und den gnadenlosen Druck der modernen Arbeitswelt. Damien Bonnard überzeugt als verzweifelter Bauleiter, während Jeanne Balibar mit eiskaltem Kalkül brilliert. Auch wenn die Geschichte letztlich etwas vorhersehbar bleibt, regt der Film zum Nachdenken an: Wer hat am Ende wirklich die Kontrolle?
Catherine H.