Selten zuvor hat Frankreich mit so viel Aufmerksamkeit auf die innenpolitische Entwicklung in Deutschland geschaut wie im Frühjahr 2025. Die Turbulenzen in Berlin wirken nicht nur destabilierend auf das größte Land der EU, sondern senden politische Schockwellen weit über die Landesgrenzen hinaus. Der Sturz der Ampelkoalition, der historische Aufstieg der AfD und die Rückkehr der CDU an die Macht haben in Paris eine Mischung aus Besorgnis und strategischer Neugier ausgelöst.
Berlin ringt um Stabilität – und Paris beobachtet aufmerksam, wie Europas politisches Schwergewicht seinen Kurs neu bestimmt.
Der Niedergang einer Koalition
Was als ambitioniertes Projekt begann, endete im politischen Desaster. Die sogenannte „Ampelkoalition“ aus SPD, Grünen und FDP war seit ihrer Bildung im Jahr 2021 von tiefgreifenden ideologischen Spannungen geprägt. Haushaltsdisziplin, Klimapolitik, Verteidigungsausgaben – zu vielen Themen gab es keine gemeinsame Linie, sondern Kompromisse auf niedrigstem gemeinsamen Nenner.
Als Bundeskanzler Olaf Scholz im November 2024 Finanzminister Christian Lindner entließ, zerbrach das fragile Bündnis endgültig. Die FDP verließ die Koalition, der Kanzler verlor im Bundestag das Vertrauen, und der Weg zu Neuwahlen war unumkehrbar. In Paris wurde diese Entwicklung mit wachsender Nervosität registriert – nicht nur wegen des Bruchs in Berlin, sondern wegen der Frage, wie sich die Machtverhältnisse im Nachbarland verschieben würden.
Eine Wahl mit Signalwirkung
Die Bundestagswahl vom Februar 2025 markierte eine tektonische Verschiebung im politischen Koordinatensystem der Bundesrepublik. Zwar ging die CDU/CSU mit rund 28,5 % der Stimmen als stärkste Kraft hervor, doch die eigentliche Überraschung war das Ergebnis der AfD, die mit über 20 % zweitstärkste Partei wurde. Die Sozialdemokraten rutschten auf ein historisches Tief von 16,4 % ab.
In Frankreich löste insbesondere der Aufstieg der AfD Besorgnis aus. Die Parallelen zum eigenen politischen System drängten sich auf: Auch in Frankreich erleben rechtspopulistische und extrem rechte Bewegungen seit Jahren einen Aufschwung. Dass ein ähnliches Phänomen nun das deutsche Parteiensystem erschüttert, wirkt wie ein Warnsignal – oder für manche wie ein Vorbild.
Die Ursachen sind nicht schwer zu erkennen: wirtschaftliche Stagnation, eine überforderte Migrationspolitik, der Verlust an Vertrauen in politische Eliten – Probleme, die auch in Frankreich virulent sind. Die politische Radikalisierung ist in beiden Ländern nicht mehr nur ein Randphänomen, sondern dringt tief ins gesellschaftliche Zentrum vor.
Eine neue Große Koalition
Die CDU, unter der Führung von Friedrich Merz, hat sich gegen eine Zusammenarbeit mit der AfD ausgesprochen – zumindest offiziell. Um eine stabile Regierung zu bilden, griff man auf ein altbekanntes Modell zurück: die Große Koalition mit der SPD. Dass die Sozialdemokratie diese Rolle aus einer Position der Schwäche heraus annimmt, ist ein Risiko für ihre eigene Profilbildung, aber wohl unvermeidlich.
Die Koalitionsvereinbarung, auf die sich die beiden Parteien Anfang Mai einigten, sieht massive Investitionen in Infrastruktur und Verteidigung vor – insgesamt rund 500 Milliarden Euro in den kommenden Jahren. Gleichzeitig sollen neue Kontrollmechanismen für Migration eingeführt und die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit gestärkt werden.
Für Paris bedeutet dies zweierlei: Einerseits verspricht die neue Regierung unter Merz ein gewisses Maß an Stabilität und Planbarkeit – wichtige Voraussetzungen für die deutsch-französische Zusammenarbeit. Andererseits sorgt die konservative Grundausrichtung der neuen Koalition für Spannungen in Bereichen wie Klimapolitik und Sozialstandards, wo Frankreich traditionell andere Akzente setzt.
Der Schatten der AfD
Trotz der Regierungsbildung bleibt ein Fakt bestehen: Ein gutes Fünftel der deutschen Wählerinnen und Wähler hat sich für eine Partei entschieden, die vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuft wird. Die Beobachtung der AfD durch die Sicherheitsbehörden, inklusive des Einsatzes nachrichtendienstlicher Mittel, markiert eine neue Eskalationsstufe im deutschen Umgang mit extremistischen Tendenzen.
In Frankreich wird diese Entwicklung genau analysiert. Während deutsche Behörden den rechtlichen Weg über Beobachtung und potenziell ein Parteiverbot prüfen, herrscht in Paris eher Zurückhaltung gegenüber solchen Maßnahmen. Der Gedanke, eine populäre Bewegung durch juristische Mittel auszubremsen, gilt in Frankreich als riskant – und als potenziell kontraproduktiv.
Die innenpolitische Polarisierung in Deutschland hat inzwischen auch außenpolitische Dimensionen. Einige internationale Stimmen, insbesondere aus den USA, haben bereits Kritik an den Maßnahmen gegen die AfD geübt und Deutschland mangelnden Respekt vor der Meinungsfreiheit vorgeworfen. Paris beobachtet diese Entwicklung mit Sorge – nicht zuletzt, weil eine solche Polarisierung auch auf die europäische Einigung durchschlagen kann.
Neue Prioritäten und alte Spannungen
Die neue Bundesregierung setzt außenpolitisch klare Signale: Fortsetzung der Unterstützung für die Ukraine, eine stärkere europäische Sicherheitsarchitektur, und die Etablierung eines Nationalen Sicherheitsrates zur Koordinierung sicherheitsrelevanter Fragen. Auch diese Maßnahmen werden in Frankreich begrüßt – wenngleich man in Paris befürchtet, dass Deutschland künftig verstärkt nationale Interessen in den Vordergrund rücken könnte.
Die Rolle Deutschlands in der EU, lange durch wirtschaftliche Stabilität und politische Verlässlichkeit definiert, steht auf dem Prüfstand. Frankreich muss sich darauf einstellen, dass Berlin künftig weniger integrationsfreudig und mehr auf strategische Eigenständigkeit bedacht agiert. Gleichzeitig wächst der innenpolitische Druck, da viele Franzosen sich fragen, ob ihr Land ähnliche Entwicklungen durchlaufen könnte.
Ein Nachbar im Umbruch – das ist der Blick Frankreichs auf Deutschland im Frühjahr 2025. Was in Berlin geschieht, hat unmittelbare Auswirkungen auf die politischen Kräfteverhältnisse auf dem ganzen Kontinent. Für Emmanuel Macron und seine Regierung bedeutet das vor allem eines: Wachsamkeit.
Von Andreas Brucker