Frankreich erlebt einmal mehr einen Tag der Wut. Bereits am Donnerstagmorgen, 18. September, hatten sich landesweit zehntausende Menschen versammelt, um gegen die von der Regierung angekündigten Sparmaßnahmen auf die Straße zu gehen. Während die Polizei bis Mittag 76.500 Teilnehmer zählte, sprach die Gewerkschaft CGT von über 400.000 Demonstrierenden. Eine Diskrepanz, die in Frankreich längst zum Ritual gehört – und die Dimension der Mobilisierung trotzdem nicht schmälert.
Blockaden, Streiks, volle Straßen
Bis 12 Uhr mittags waren es laut Innenministerium 476 Aktionen, davon 341 auf öffentlichen Straßen und 135 Blockaden. Baustellen, Verkehrsknotenpunkte, Schulen – vielerorts legte die Protestwelle das öffentliche Leben lahm. Der Innenminister berichtete von 95 Blockadeversuchen und mehr als 230 Aktionen allein am Vormittag. Schon jetzt gilt: Dieser Tag hat Frankreich spürbar aus dem Alltag gerissen.
Gewerkschaften im Aufwind
Für die CGT und andere Gewerkschaften ist der Tag bisher ein Erfolg. „Die Mobilisierung ist schon jetzt ein Sieg“, erklärte Sophie Binet, die Generalsekretärin der CGT, und verwies auf die hohen Teilnehmerzahlen. Besonders auffällig: der Bildungssektor. Laut Bildungsministerium streikten 17 Prozent aller Lehrkräfte. Noch drastischer sind die Zahlen der Gewerkschaften: Der Snes-FSU, stärkster Verband im Sekundarbereich, spricht von 45 Prozent Streikbeteiligung. Dahinter steckt mehr als nur Haushaltskritik – es ist die Unzufriedenheit über niedrige Löhne, schlechte Arbeitsbedingungen und eine Schule, die viele als „unter Druck“ erleben.
Politik im Protestmodus
Auch die politische Linke mischte kräftig mit. Jean-Luc Mélenchon, Gründer von La France insoumise, nutzte die Bühne in Marseille für eine seiner typischen Brandreden. „Der Präsident, das ist er, Emmanuel Macron. Er ist das Chaos. Alles, was gerade passiert, ist die Folge seiner Politik, nicht meiner“, rief er den Demonstrierenden zu. Eine Kampfansage, die in den Straßen Widerhall fand.
Polizei im Großaufgebot
Die Regierung rechnete von Beginn an mit einer massiven Mobilisierung. 80.000 Polizisten und Gendarmen wurden im ganzen Land positioniert, dazu 26 gepanzerte Fahrzeuge der Gendarmerie und zehn Wasserwerfer. Ein Aufgebot, wie es Frankreich seit den Zeiten der „Gelbwesten“-Proteste 2019 nicht mehr erlebt hat. In Paris, so Polizeipräfekt Laurent Nuñez, bereite die Präsenz zahlreicher gewaltbereiter Gruppen „große Sorgen“. Bereits am Vormittag wurden 94 Personen festgenommen, 32 davon in Polizeigewahrsam genommen. Ein Polizist wurde leicht verletzt.
Zwischen Kampfgeist und Nervosität
Die Atmosphäre schwankt zwischen Entschlossenheit und Anspannung. Viele sehen in der Protestwelle ein Signal, dass sich die Bevölkerung gegen die als unsozial empfundenen Maßnahmen der Regierung wehrt. Doch zugleich bleibt die Angst vor Ausschreitungen, die den Charakter der Bewegung überschatten könnten. „Wir werden keine Gewalt tolerieren“, erklärte Innenminister Bruno Retailleau am frühen Morgen erneut.
Ein Land im Ausnahmezustand?
Was bleibt, ist der Eindruck einer Gesellschaft am Kipppunkt. Auf der einen Seite ein Präsident, der seine Sparagenda durchziehen will. Auf der anderen Seite Gewerkschaften, Lehrkräfte, Beschäftigte und Studierende, die das Gefühl haben, die Rechnung zu bezahlen. Frankreich ist an diesem 18. September nicht nur im Streik – es führt einen Machtkampf um die künftige Richtung des Landes.
Und die Frage, die in der Luft liegt: Wer setzt sich am Ende durch – die Straße oder der Élysée-Palast?
Autor: Daniel Ivers