Seit seiner Ernennung zum Premierminister am 9. September 2025 steht Sébastien Lecornu im Zentrum eines ungewöhnlich langen politischen Vakuums. Sechzehn Tage nach Amtsantritt hat Frankreich noch immer keine Regierung. Während offizielle Stellen das Vorgehen als „überlegt“ und „konsultativ“ verteidigen, mehren sich die Zweifel: Ist hier ein neuer Regierungsstil im Entstehen – oder deutet sich vielmehr eine gefährliche Erosion politischer Handlungsfähigkeit an?
Ein ungewöhnlich langer Stillstand
Gemessen an den Gepflogenheiten der Fünften Republik ist die aktuelle Phase bemerkenswert. Frankreich kennt keine festgelegte Frist für die Regierungsbildung nach einer Ernennung – anders als etwa Deutschland oder Belgien – doch politische Erfahrung und institutionelle Logik fordern zügiges Handeln. Lecornu droht nun, den bisherigen Rekord für die längste Regierungsbildungsphase unter der Fünften Republik zu überbieten. Bereits sein Vorgänger Michel Barnier hatte 2024 sechzehn Tage benötigt. Damals wurde das als Ausnahme erklärt. Heute erscheint es symptomatisch.
Hintergrund der Ernennung Lecornus war der erzwungene Rücktritt des Bayrou-Kabinetts nach einem Misstrauensvotum. Lecornu übernimmt somit kein gut geöltes Regierungssystem, sondern ein politisch aufgeladenes und institutionell geschwächtes Feld. Genau darin liegt die Schwierigkeit – und womöglich die Strategie – seiner Zögerlichkeit.
Die Methode Lecornu: Absicht oder Ohnmacht?
Anstatt schnell ein vollständiges Kabinett zu präsentieren, setzt Lecornu auf ein gestuftes, von Beratungen begleitetes Verfahren. Im Zentrum stehen bilaterale Gespräche mit Parteivertretern, Gewerkschaften und lokalen Mandatsträgern. Ziel sei es, eine tragfähige politische Basis zu erarbeiten, bevor Namen genannt werden. Diese Herangehensweise wird von seinen Unterstützern als Ausdruck politischer Reife und methodischer Sorgfalt gewertet.
Kritiker hingegen sehen darin eine Verschleppungstaktik ohne erkennbare Zielmarke. Tatsächlich wächst der Druck: Das Haushaltsgesetz 2026 wartet, soziale Konflikte nehmen zu, und die Exekutive agiert de facto handlungsunfähig. Zwar verwalten die bisherigen Minister die laufenden Geschäfte, doch zentrale Entscheidungen – etwa zur Sozialpolitik, Rentenreform oder Haushaltskonsolidierung – sind blockiert.
Drei Fronten: Parteien, Gewerkschaften, Regionen
Lecornu steht vor der schwierigen Aufgabe, eine Mehrheit in einer fragmentierten Assemblée nationale zu finden. Der Parti socialiste stellt Bedingungen für eine Unterstützung, die weit über technische Zugeständnisse hinausgehen. Die konservativen Républicains wollen verhindern, in eine Koalition gedrängt zu werden, die sie nicht gestalten können. Und selbst die extreme Rechte wurde zu Gesprächen empfangen – ein Schritt, der linke Kräfte empört und den Handlungsspielraum weiter verengt.
Parallel dazu steht Lecornu in engem Austausch mit der Intersyndikale, die den Druck auf der Straße erhöht. Forderungen nach Reallohnsteigerungen, Energiesubventionen und einer Überarbeitung des Haushalts sind klar formuliert. Ein Treffen mit den Gewerkschaften ist angekündigt, doch ohne Regierung können keine substanziellen Zusagen gemacht werden. Die Gefahr ist real, dass sich die soziale Ungeduld mit der politischen Lähmung verbindet – eine toxische Kombination in einem Land, das Reformstau schlecht erträgt.
Auch die Dezentralisierung, ein Kernthema der künftigen Regierungsarbeit, bleibt bisher auf der Strecke. Zwar hat Lecornu die Verbände der Bürgermeister und lokalen Mandatsträger eingebunden, doch ohne konkrete Perspektiven bleiben diese Gespräche auf der Ebene wohlmeinender Absichtserklärungen.
Präsidialer Rückhalt – aber nicht endlos
Emmanuel Macron hat seinem Premier öffentlich den Rücken gestärkt. Lecornu habe „Recht, sich Zeit zu nehmen“, ließ der Élysée verlauten. Doch dieser Rückhalt hat seine Grenzen. Im politischen Alltag zählt nicht nur Loyalität, sondern auch Ergebnis. Und in einer Mediendemokratie wie Frankreich wird die Leere der Macht schnell als Führungsschwäche gedeutet.
Dazu kommt: Je länger die Regierung auf sich warten lässt, desto mehr formiert sich Widerstand – nicht nur von der Opposition, sondern auch im Zentrum der politischen Mitte. Die Geduld vieler Abgeordneter hat Grenzen, zumal eine Vertrauensabstimmung unausweichlich scheint. Ein Premier, der ohne klares Mandat in ein ohnehin fragiles Parlament geht, könnte schneller scheitern, als es seine Entstehung vermuten lässt.
Ein politisches Experiment mit offenem Ausgang
Lecornus Vorgehen ist riskant – nicht, weil es per se falsch wäre, sondern weil es mit institutionellen Erwartungen bricht. Anstelle einer autoritativ durchgesetzten Kabinettsliste versucht er, über Konsultationen und Sachfragen politische Legitimität zu gewinnen. Das könnte ein neues Kapitel der politischen Kultur einläuten – partizipativer, flexibler, vielleicht auch inklusiver.
Doch der Preis für dieses Experiment ist hoch: Wenn es ihm nicht gelingt, in den kommenden Tagen eine belastbare Regierung zu präsentieren, droht das Projekt zur Farce zu werden. Die Bürgerinnen und Bürger – ohnehin misstrauisch gegenüber der politischen Klasse – erwarten Resultate, keine Prozeduren. Und selbst politische Eliten verlieren rasch das Vertrauen in einen Premier, der Führungsfähigkeit zwar verspricht, aber nicht sichtbar umsetzt.
Am Ende könnte diese Phase nicht als Aufbruch, sondern als Symptom gedeutet werden: für einen Staat, der regiert werden will, aber nicht regierbar scheint.
Autor: P. Tiko