Die Weltwirtschaft ist ohne sie nicht mehr denkbar, und doch bleiben sie für die meisten unsichtbar: Mikroprozessoren sind das Rückgrat moderner Technologie – ob in Smartphones, Autos, Kraftwerken oder Satelliten. Die winzigen Siliziumbausteine sind längst zum geopolitischen Machtfaktor geworden. In der strategischen Auseinandersetzung zwischen den USA, China und Taiwan entdeckt nun auch Europa – allen voran Frankreich – die zentrale Bedeutung dieser Technologie für seine industrielle und politische Souveränität.
Europas Abhängigkeit – ein Warnruf mit Verzögerung
Die Covid-19-Pandemie wirkte wie ein Brennglas: Als globale Lieferketten ruckartig zusammenbrachen, wurde Europas strukturelle Schwäche im Halbleiterbereich sichtbar. Autowerke standen still, weil Steuerchips fehlten, Lieferzeiten explodierten, die Inflation stieg. Mikroprozessoren, zuvor technische Nischenprodukte, wurden zur kritischen Ressource erklärt.
Der Status quo ist alarmierend: Mehr als 70 % der globalen Chipproduktion findet heute in Ostasien statt – dominiert von TSMC und Samsung. Europas Anteil liegt laut der EU-Kommission bei unter zehn Prozent. Für Frankreichs Wirtschaftsministerium ist das ein „systemisches Risiko“: Ohne Chips keine Industrie, keine digitale Transformation, keine Verteidigung.
Die europäische Gegenstrategie: Milliarden und eine Marschrichtung
Auf diese Erkenntnis reagierte die EU mit einem Strategiewechsel. Mit dem European Chips Act verfolgt Brüssel das Ziel, den europäischen Anteil an der weltweiten Chipproduktion bis 2030 auf 20 % zu verdoppeln. Die Kommission setzt dabei auf ein Bündel aus industriepolitischen Instrumenten: massive Subventionen, gelockerte Wettbewerbsregeln und koordinierte Förderstrategien zwischen Mitgliedstaaten.
Besonders aktiv sind Frankreich, Deutschland und Italien – Länder mit industrieller Basis und politischem Interesse an technologischer Eigenständigkeit. Laut der französischen Regierung geht es um „souveräne Handlungsfähigkeit in einer zunehmend fragmentierten Welt“.
Frankreichs stille Stärke: Mikroelektronik in Grenoble
Frankreich nimmt in dieser Aufholjagd eine zentrale, wenn auch oft unterschätzte Rolle ein. In Grenoble, am Fuße der Alpen, hat sich in den letzten Jahrzehnten ein leistungsfähiges Ökosystem für Mikroelektronik entwickelt – mit Forschung, Industrie und Ausbildung auf Weltniveau. Das Zentrum: der Technologiecampus um das CEA-Leti, einer der führenden Forschungsinstitute für Halbleiter in Europa.
Auch STMicroelectronics betreibt hier Fertigungsanlagen, die weltweit zu den modernsten im Bereich Leistungshalbleiter zählen. Der Fokus liegt weniger auf extrem miniaturisierten Chips, wie sie in Smartphones zum Einsatz kommen, sondern auf robusten Halbleitern für Elektromobilität, Energieinfrastruktur und industrielle Anwendungen – also auf Feldern, die für Europas grüne und digitale Transformation essenziell sind.
Ein Forscher am CEA-Leti bringt es auf den Punkt: „Wir setzen nicht auf die kleinsten Chips, sondern auf die entscheidenden.“
Internationale Tech-Konzerne: Partner mit doppeltem Boden
Europa will jedoch nicht alles allein stemmen. Die technologische Lücke zu Asien und den USA ist zu groß, als dass man ohne externe Expertise auskommen könnte. Daher umwirbt Brüssel internationale Branchengrößen: TSMC, Samsung, aber auch den US-amerikanischen Branchenprimus Intel.
Intel hat bereits Investitionen in Milliardenhöhe angekündigt – unter anderem eine neue Megafabrik in Magdeburg, mit möglicher technischer Anbindung an Frankreichs Forschungslandschaft. Solche Kooperationen sind gewollt, aber nicht ohne Risiko. Die entscheidende Frage lautet: Wie viel Souveränität lässt sich bewahren, wenn Technologie, Produkt-Rechte und strategische Entscheidungen in ausländischen Konzernzentralen liegen?
Ein hochrangiger EU-Beamter antwortet diplomatisch: „Entscheidend ist, dass in Europa produziert wird – nicht woher das Know-how kommt.“
Infrastruktur, Fachkräfte, Realismus
Die politische Ambition ist groß, aber die praktischen Hürden sind erheblich. Eine moderne Halbleiterfabrik kostet zwischen 10 und 20 Milliarden Euro, benötigt tausende spezialisierte Fachkräfte und stellt hohe Anforderungen an Strom- und Wasserversorgung. Frankreichs Regierung hat bereits angekündigt, in die Ausbildung technischer Profile zu investieren, um die Personalengpässe zu mildern.
Zugleich tobt ein weltweiter Subventionswettlauf: Die USA pumpen im Rahmen des CHIPS and Science Act über 50 Milliarden Dollar in die heimische Chipindustrie, während China seine Konzerne mit industriepolitischen Hebeln fördert. Europa bewegt sich also in einem globalen Wettbewerb, bei dem nicht nur Technologie, sondern auch geopolitische Allianzen zählen.
Technologischer Aufbruch als politische Weichenstellung
Die Frage, ob Frankreich und Europa je zur Weltspitze im Halbleitermarkt aufschließen können, ist sekundär. Entscheidend ist die strategische Stoßrichtung. Der Versuch, Kernkompetenzen im Bereich Mikroprozessoren aufzubauen oder zurückzugewinnen, ist Ausdruck eines größeren Projekts: dem Erhalt politischer Entscheidungsfreiheit in einer Welt, in der Technologie zunehmend Waffe und Währung zugleich ist.
Frankreichs Strategie – Konzentration auf industrielle und energietechnische Spezialsegmente, kombiniert mit internationaler Kooperation – wirkt pragmatisch und langfristig angelegt. Nicht Autarkie, sondern gestaltbare Abhängigkeit lautet das Ziel. Ob dies gelingt, wird nicht nur an Subventionen gemessen, sondern am Aufbau resilienter Wertschöpfungsketten und an der Fähigkeit, europäische Interessen in einer digitalisierten Welt zu behaupten.
Der Weg ist steinig – aber notwendig.
Autor: P. Tiko