40 Grad im Schatten.
Für viele Menschen bedeuten solche Temperaturen kalte Getränke, Ventilatoren und die Hoffnung auf ein Gewitter. Doch in Frankreich kämpfen derzeit zwei besonders verletzliche Gruppen buchstäblich ums Überleben: Gefängnisinsassen und Obdachlose.
Gefängnisse als Brutöfen: Wenn Überbelegung zur Todesfalle wird
Die Zahlen sind so erschreckend wie bekannt: Am 1. Juni 2025 saßen 84.447 Menschen in französischen Gefängnissen. Offiziell gibt es dort aber nur 62.566 Plätze. Ein Überbelegungsgrad von 135 Prozent. In 22 Haftanstalten liegt er sogar bei über 200 Prozent.
Das bedeutet: Zellen, die für eine Person gebaut wurden, platzen mit zwei oder drei Menschen aus allen Nähten. In normalen Zeiten schon kaum auszuhalten – doch bei einer Hitzewelle wie aktuell verwandeln sich diese Zellen in glühend heiße Kästen.
Jean-François Fogliarino, Generalsekretär des nationalen Gefängnisdirektorenverbands SNDP-CFDT, bringt es auf den Punkt: „Man kann mit der Hitze umgehen, mit der Überbelegung weniger. Die Lage ist unhaltbar.“ Vor allem in innerstädtischen Gefängnissen ohne Klimaanlage herrschen Temperaturen wie in einem Backofen.
Der französische Justizminister hat inzwischen einen Hitzeschutzplan aktiviert. Einige Gefangene werden in weniger überfüllte Anstalten verlegt, inhaftierte Menschen erhalten häufiger Zugang zu Duschen, Sprühnebelanlagen sollen Linderung verschaffen.
Doch Gewerkschaften und Verbände winken ab. All das reiche bei weitem nicht aus, um die Situation zu entschärfen. Denn die Infrastruktur ist schlicht nicht auf Temperaturen jenseits der 40-Grad-Marke ausgelegt.
Obdachlose: Vergessene Opfer der Klimakrise
Die zweite Gruppe, die in diesen Tagen um ihre Gesundheit und ihr Leben ringt, sind Obdachlose. In Besançon starb vergangene Woche ein Mann ohne festen Wohnsitz – aller Wahrscheinlichkeit nach aufgrund der extremen Hitze.
Eine Tragödie, die niemanden überraschen dürfte, der die Lebensrealität von Menschen auf der Straße kennt. Sie können nicht einfach Fenster schließen, Jalousien herunterlassen oder den Ventilator anstellen. Ihre einzige Rettung: schattige Plätze, Springbrunnen oder – wenn Glück und Organisation zusammenkommen – kühlere Notunterkünfte.
In Paris organisieren Hilfsorganisationen derzeit gezielte Verteilaktionen von Wasserflaschen und vermitteln Obdachlose in klimatisierte Zentren. Die Präsidentin der Region Île-de-France, Valérie Pécresse, verkündete, dass allein am Dienstag über 500 Menschen in sichere Unterkünfte gebracht wurden.
Auch das wirkt wie ein Tropfen auf dem heißen Stein, bleibt doch die Realität bestehen: Laut der Stiftung für Wohnungslose leben in Frankreich derzeit rund 350.000 Menschen ohne festen Wohnsitz auf der Strasse. Tendenz steigend – um 6 Prozent allein im letzten Jahr.
Klimawandel: Ein System am Limit
Die aktuelle Hitzewelle ist kein isoliertes Ereignis, sondern Teil einer besorgniserregenden Entwicklung. Extremwetterlagen werden häufiger, länger und intensiver. Wer in stickigen Zellen oder auf glühendem Asphalt lebt, gerät dabei schnell in Lebensgefahr.
Ob Gefängnisse, deren bauliche Struktur teils aus einer anderen Epoche stammt, oder Notunterkünfte, die bestenfalls kurzfristig Linderung verschaffen – Frankreichs sozialpolitische Systeme stoßen an ihre Grenzen.
Eine Frage drängt sich auf: Wie sollen Staaten künftig mit diesen Extremen umgehen, wenn sie schon jetzt nicht in der Lage sind, ihre verwundbarsten Bürger zu schützen?
Weckruf oder Ohnmacht?
Die Hitzewelle ist ein unbestechlicher Spiegel: Sie zeigt, wo wir stehen – und was wir nicht mehr ignorieren können.
Gefängnisse brauchen mehr als Sprühnebelanlagen. Obdachlose brauchen mehr als eine Flasche Wasser. Beide Gruppen brauchen Konzepte, die sie nicht nur kurzfristig schützen, sondern langfristig würdige Lebensbedingungen sichern.
Denn Klimakrise bedeutet nicht nur Gletschersterben in den Alpen oder Dürre in Südfrankreich. Sie bedeutet Hitze, Leid und Tod – mitten in unseren Städten.
Und während Frankreich in diesen Tagen schwitzt, sitzen einige hinter Gittern oder auf Bürgersteigen und hoffen nur auf eines: Dass es bald vorbei ist.
Autor: Andreas M. B.