Die ersten großen Brände des Sommers wüten bereits. Hunderte Hektar Land gingen am Samstag in den Départements Hérault, Bouches-du-Rhône und Aude in Flammen auf. Und während Urlauber in kilometerlangen Staus feststeckten, stiegen die legendären gelb-roten „Pelikane“ der französischen Canadair-Flotte aus Nîmes-Garons auf, um gegen das Inferno anzukämpfen.
Doch diese pelikanähnlichen Hydravions – die Canadair CL-415 – sind in die Jahre gekommen. Ihr Durchschnittsalter liegt bei dreißig Jahren, und ihre Technik hustet inzwischen bedenklich. Die Frage drängt sich auf: Spielt Frankreich mit dem Feuer, wenn es den Ersatz seiner Flotte weiter aufschiebt?
Wartungsstaus und rostige Flügel
Der aktuelle Zustand mancher Canadair ist besorgniserregend. Ihre Wartung frisst immer mehr Ressourcen. Ursprünglich für Süßwasser konzipiert, nagt die salzige Gischt des Mittelmeers an ihren Rümpfen. Folge: immer längere Stillstände.
„Der Hersteller hat keine Lebensdauerbegrenzung festgelegt, aber ein Rückzug der ältesten Modelle ab 2025-2030 war vorgesehen“, hieß es bereits vor fünf Jahren in einem Senatsbericht. Viel Bewegung ist seither nicht eingetreten.
Die Kosten sind ein Bremsklotz. Ein moderner DHC-515 kostet 60 Millionen Euro pro Stück. Geplant war, alle zwölf Canadair bis 2027 zu ersetzen. Stand heute sind lediglich zwei bestellt. Sie sollen frühestens 2028 eintreffen. Zwei weitere Bestellungen hängen wegen Finanzierungsproblemen in der Luft.
Lieferschock: Neue Flugzeuge erst 2032?
Auf dem Pariser Luftfahrt-Salon wollte die sozialistische Abgeordnete Sophie Pantel Klarheit. Ihre Frage an De Havilland, den Hersteller: Wann kämen zwei heute bestellte Flugzeuge an? Die Antwort: „Nicht vor 2032.“
Inzwischen hofft man auf technische Upgrades für die alten Modelle. Doch ein Teil der Flotte wird diesen Sommer am Boden bleiben – etwa der Canadair, der im Mai bei einer Übung in Korsika auf ein Riff auflief und nun außer Gefecht ist.
Dash 8 Q400: Stark, aber nicht amphibisch
Frankreich setzt neben den Canadair auch acht Dash 8 Q400 („Milan“) ein. Diese Turboprops transportieren bis zu zehn Tonnen Wasser – deutlich mehr als die sechs Tonnen der Canadair – sind aber keine Amphibienflugzeuge. Sie müssen an Land tanken. In Situationen, in denen Feuerwalzen innerhalb von Minuten wachsen, ist genau das ein Handicap.
„Die Canadair – ihre ununterbrochenen Wasserladungen auf dem Meer oder einem See – sind für schnelle Schläge entscheidend“, erklärt Feuerwehrsprecher Eric Brocardi.
Ein Flickenteppich aus Leasing und Übergangslösungen
Einige Löschflugzeuge wurden bereits vor fünf Jahren ausgemustert. Stattdessen mietet Frankreich saisonal bis zu sechs Air Tractor, dazu sechs schwere und vier leichte Löschhubschrauber. „Die Anmietung ist keine Übergangslösung mehr, sondern strukturell notwendig geworden“, so Pantel. Departements wie Hérault oder Bouches-du-Rhône leasen zusätzlich eigene Löschflugzeuge, um nicht mit leeren Händen dazustehen, wenn es brennt und Eile geboten ist.
Denn Technik allein löscht keine Brände. Strategisch gilt es, Feuer bereits bei Entstehung massiv zu attackieren, mit Bodentruppen auf der einen Seite und Löschflugzeugen auf der anderen, um die Flammen schon vor der Zehn-Hektar-Marke einzudämmen.
Europas Flammen, Frankreichs Sorge
Die dramatische Saison 2022 ist unvergessen: 66.000 Hektar gingen in Rauch auf, die Hälfte davon allein in der Gironde. Frankreich musste auf europäische Hilfe zurückgreifen, um nicht völlig an seine Grenzen zu stoßen. Ein Vorgeschmack auf die Zukunft?
„Der Klimawandel überholt längst unsere Kapazität, die Folgen aufzufangen“, warnt Brocardi. Und Grégory Allione, Europaabgeordneter und ehemaliger Feuerwehrchef, fragt sich, ob nationale Lösungen überhaupt noch reichen. Seine Antwort: Europa müsse gemeinsam in Flotten von Löschflugzeugen investieren, nach dem Vorbild der Rüstungsindustrie.
Neue Technologien am Horizont
Es gibt allerdings gewisse Hoffnungsschimmer. Airbus testete erfolgreich einen Löschkit für sein Transportflugzeug A400M – 20 Tonnen Löschwasser kann es mitführen. Der Prototyp war 2022 noch wenig effektiv, jetzt gilt er als ernstzunehmende Verstärkung.
Auch die französische Firma Hynaero arbeitet an einem Amphibienlöschflugzeug „Frégate-F100“, das ab 2031 einsatzbereit sein könnte. Ebenso plant das Start-up Kepplair Evolution, ATR-72-Passagierflugzeuge zu 7,5-Tonnen-Wasserbombern umzurüsten. Frankreich investiert sieben Millionen Euro in Hynaero. Ein symbolischer Schritt – aber ein wichtiges Signal.
Souveränität oder Abhängigkeit?
Die große Frage lautet: Kann Frankreich es sich leisten, von Auslandslieferungen abhängig zu bleiben, während seine Wälder Jahr für Jahr häufiger brennen?
„Ein Land allein kann die Gewalt und Häufigkeit der Brände nicht bewältigen“, sagt Allione. „Das bedeutet nicht, dass Frankreich ungenügende Mittel hat, aber diese Mittel reichen nur für eine Art von Normalität.“ Und Normalität, das zeigen die Flammenfronten von Gironde bis Aude, ist längst Vergangenheit.
Vielleicht wird es Zeit, den Mut aufzubringen, den die Löschpiloten täglich zeigen, und die Flotte von Grund auf neu zu denken – bevor der nächste Funke alles verändert.
Autor: Daniel Ivers