Frankreich

Frankreichs ewiges Dilemma: Erst wenn es brennt, wird zugehört

Kommentar Ach, Frankreich! Dieses wunderbare Land hat offenbar eine ganz besondere Form der politischen Kommunikation erfunden: Man ignoriert ein Problem so lange, bis jemand eine Mülltonne anzündet. Und dann stellt sich ein Minister vors Mikrofon und erklärt mit bedeutungsschwerer Miene: Die Forderungen sind legitim. Ach was! Lehrer fehlen? Seit Monaten bekannt. Klassen mit mehr als…

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Kommentar

Ach, Frankreich! Dieses wunderbare Land hat offenbar eine ganz besondere Form der politischen Kommunikation erfunden: Man ignoriert ein Problem so lange, bis jemand eine Mülltonne anzündet. Und dann stellt sich ein Minister vors Mikrofon und erklärt mit bedeutungsschwerer Miene: Die Forderungen sind legitim.

Ach was!

Lehrer fehlen? Seit Monaten bekannt. Klassen mit mehr als 30 Schülern? Überraschung! Gebäude im Sommer zu heiß, im Winter zu kalt? Wer hätte das ahnen können – außer Schülern, Lehrern, Eltern, Schulleitern und vermutlich dem Hausmeister?

Aber der französische Staat besitzt eine bemerkenswerte Fähigkeit: Er kann Probleme jahrelang übersehen und sie innerhalb von 24 Stunden entdecken, sobald Bereitschaftspolizisten vor einem Lycée stehen.

Und genau da beginnt der Irrsinn.

Denn natürlich sind Feuerwerksmörser, abgeschossen auf Schulleiter, keine politische Meinungsäußerung. Lehrer zu schlagen ist kein Schülerprotest. Schulen gewaltsam abzuriegeln auch nicht. Gewalt bleibt Gewalt.

Aber warum muss es überhaupt erst so weit kommen?

Warum lautet der politische Ablauf immer wieder: Beschwerde – Brief – Gespräch – Arbeitsgruppe – Schweigen – Protest – Blockade – Ausschreitung – Sondersendung – Ministerinterview – und plötzlich: „Wir nehmen die Sorgen sehr ernst“?

JETZT?

Wo war dieses Ernstnehmen, als Unterricht ausfiel? Wo war es, als Lehrerstellen unbesetzt blieben? Wo war es, als Jugendliche erklärten, dass ihre Schulgebäude verfallen und ihre Stundenpläne aus allen Nähten platzen?

Frankreich hat sich über Jahrzehnte eine politische Kultur angewöhnt, in der die Straße oft als letzte Instanz erscheint. Bauern blockieren Autobahnen. Gewerkschaften legen Züge lahm. Gelbwesten besetzen Kreisverkehre. Und jetzt entdecken Schüler dieselbe Lektion: Wer höflich fragt, bekommt möglicherweise einen Termin. Wer blockiert, bekommt einen Minister.

Das ist verheerend.

Denn ein Staat, der erst reagiert, wenn der Konflikt eskaliert, belohnt indirekt die Eskalation – selbst wenn er sie anschließend verurteilt.

Vielleicht müsste Frankreich deshalb einmal etwas wirklich Revolutionäres ausprobieren.

Keine Barrikade.

Keine Tränengasgranate.

Keine Krisensitzung.

Sondern: handeln, bevor es brennt.

Völlig verrückte Idee, ich weiß.

Aber möglicherweise wäre das sogar billiger als 440 Festnahmen.

Christine Macha

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