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Alle Artikel · 09.05.2025 06:50

Frankreichs Fahrstuhl-Fiasko: Warum Tausende Menschen jedes Jahr festsitzen

Stellen wir uns einmal vor, wir leben im 16. Stock – und der Aufzug ist seit vier Monaten außer Betrieb. Für viele Franzosen ist das keine absurde Vorstellung, sondern brutaler Alltag. In Montreuil etwa,...

Stellen wir uns einmal vor, wir leben im 16. Stock – und der Aufzug ist seit vier Monaten außer Betrieb. Für viele Franzosen ist das keine absurde Vorstellung, sondern brutaler Alltag. In Montreuil etwa, einem Vorort von Paris, funktioniert im Hochhausquartier Clos Français seit Monaten kein einziger Fahrstuhl. Die Konsequenzen? Senioren bleiben blockiert in ihren Wohnungen, Familien kämpfen mit Kinderwagen über viele Etagen und Menschen mit gesundheitlichen Problemen leben in ständiger Angst – ein Leben wie unter Quarantäne, mitten in der Stadt.

Und das ist kein Einzelfall. In ganz Frankreich gibt es jedes Jahr über 1,5 Millionen Aufzugsausfälle. Damit ist der Fahrstuhl – mit rund 100 Millionen Fahrten pro Tag – nicht nur das meistgenutzte, sondern auch eines der anfälligsten Verkehrsmittel des Landes.

Alt, vernachlässigt und überlastet

Rund 40 Prozent aller Aufzüge sind älter als 25 Jahre, jeder vierte hat sogar die 40 schon überschritten. Ein technisches Dinosaurierproblem, das nicht nur mit dem Alter der Anlagen zu tun hat, sondern mit einem System, das knirscht an allen Ecken: zu wenig Investitionen, zu teure Modernisierungen und ein nahezu monopolistischer Markt, der Wartung, Ersatzteile und Reparaturen fest in der Hand weniger Konzerne hält.

Otis, Schindler, Koné und TK Elevator – die „Big Four“ der Branche – teilen sich nicht nur das Geschäft, sondern kontrollieren auch die Produktion der Ersatzteile. Diese werden meist im Ausland hergestellt, vor allem in China, Südafrika und Osteuropa. Doch in Frankreich lagern sie keine Vorräte. Eine Null-Lager-Strategie, die zwar betriebswirtschaftlich clever erscheint, aber für die Wartung katastrophale Folgen hat. Denn wenn etwas kaputt geht, heißt es oft: warten.

Warten, leiden, kämpfen

Für Nadia, eine alleinerziehende Mutter im 16. Stock, ist das längst mehr als ein technisches Problem. Die Kinder, die sie als Tagesmutter betreut, schleppen ihre Eltern regelmäßig die Treppen hinauf. Viele springen ab. Und Nadia? Hat Angst, ihre Existenz zu verlieren.

Die Tragödien, die sich hinter diesen Ausfällen verbergen, sind erschütternd. Der kleine Bilal etwa stürzte 2002 in einen leeren Aufzugsschacht, weil ein Sicherheitsmechanismus versagte. 2015 stirbt der achtjährige Othmane in einem Fahrstuhl in Mantes-la-Jolie. Erst neun Jahre später erkennt ein Gericht die Verantwortung des Konzerns Otis an. Und bis heute müssen sich Angehörige gegen massive juristische Mauern stemmen – mit langem Atem und großem Schmerz.

Die Großen kassieren – die Kleinen kämpfen

Rund drei Milliarden Euro erwirtschaften die vier großen Aufzugskonzerne jährlich allein in Frankreich. Und das Geschäft wächst weiter. Die Branche wird bis 2030 weltweit auf 100 Milliarden Euro geschätzt. Kein Wunder, dass es sich dabei um wahre „Cash-Maschinen“ handelt – mit Gewinnmargen wie in der Luxusindustrie.

Doch während die Großkonzerne Dividenden sprudeln lassen, kämpfen kleine Wartungsfirmen mit ganz anderen Problemen. Sie zahlen oft das Dreifache für Ersatzteile, haben keinen Zugang zu digitalen Wartungshandbüchern der neuen Modelle und dürfen manchmal nicht einmal an den Steuerungen arbeiten – ein technisches Monopol, das Existenzen gefährdet.

Techniker am Limit

Und die Menschen, die für Sicherheit sorgen sollen? Die Techniker sind am Limit. Viele betreuen über 150, manchmal sogar 200 Anlagen gleichzeitig. Bei Krankheit oder Urlaub gibt es kaum Vertretung. Die Folge: Überlastung, Fehler – und psychische Krisen. Bei Schindler etwa gab es innerhalb von 18 Monaten drei Suizide unter Mitarbeitenden.

Die Wartungen dauern in der Realität oft nur 15 Minuten, obwohl eine Stunde vorgesehen ist. Getaktet durch Apps, kontrolliert durch Algorithmen. Alles effizient? Vielleicht – aber auf wessen Kosten?

Und wo bleibt der Staat?

Kontrollen gibt es, gesetzlich verankert. Doch ihre Wirksamkeit ist fraglich. Die Gewerkschaft CGT fordert seit Jahren mehr Personal, bessere Ausbildung und ein Ende der reinen Profitlogik. Politiker wie Danielle Simonnet oder Philippe Brun fordern gar eine eigene staatliche Aufzugsbehörde – eine Art TÜV für vertikale Verkehrswege.

Denn eines ist klar: Der französische Aufzugsmarkt ist ein Paradebeispiel für das, was passiert, wenn Infrastruktur auf Rendite getrimmt wird – mit allen Konsequenzen für die Schwächsten der Gesellschaft.

Ein System in Schieflage

Bleibt die Frage: Wie konnte es so weit kommen?

Vielleicht, weil wir uns an stillstehende Fahrstühle gewöhnt haben. Vielleicht, weil die Verantwortung diffus verteilt ist – zwischen Eigentümern, Wartungsfirmen und Herstellern. Vielleicht aber auch, weil dieses System niemand wirklich in Frage stellt. Noch nicht.

Denn die Geschichten, die sich hinter jedem defekten Aufzug verbergen, schreien geradezu nach Veränderung – oder wollen wir weiter zusehen, wie Menschen im Treppenhaus und ihren Wohnungen gefangen sind?

Von C. Hatty

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