Frankreich steht vor einem strukturellen Mangel an medizinischem Personal – ein Problem, das nicht nur ländliche Regionen betrifft, sondern sich zunehmend auch in städtischen Ballungsräumen bemerkbar macht. Gesundheitsminister Yannick Neuder hat nun eine weitreichende Reform angekündigt: Die letzten Reste der Zulassungsbeschränkung zum Medizinstudium – bekannt unter dem Begriff „numerus apertus“ – sollen abgeschafft werden. Ziel ist es, mehr Ärztinnen und Ärzte im Land auszubilden und insbesondere französische Studierende, die gegenwärtig im Ausland Medizin studieren, zur Rückkehr zu bewegen.
Von numerus clausus zu numerus apertus
Über Jahrzehnte hinweg war das französische Medizinstudium durch den numerus clausus geprägt – eine strikte Zugangsbeschränkung, die ab 1971 eingeführt wurde. Die Zahl der Studierenden, die nach dem ersten Studienjahr in die zweite Phase übergehen durften, war staatlich festgelegt. Dieses System wurde 2020 durch den numerus apertus ersetzt, der die Zahl der Studienplätze flexibler gestalten sollte. Statt fixer nationaler Quoten richtete sich die Zulassung fortan nach den Kapazitäten der jeweiligen Ausbildungsstätten.
Doch wie Minister Neuder nun einräumt, sei auch der numerus apertus noch immer „zu restriktiv“. Die gegenwärtige Praxis habe nicht verhindert, dass jährlich Tausende französische Studierende ins Ausland ausweichen – insbesondere nach Belgien, Rumänien und Spanien. Der Zugang zum Medizinstudium sei dort weniger reglementiert, was viele junge Franzosen dazu bewege, das Land für ihre Ausbildung zu verlassen.
Gesetzesinitiative mit langfristiger Perspektive
Bereits im Oktober 2023 brachte Neuder als Abgeordneter eine Gesetzesinitiative ein, die nun von ihm als Minister weiterverfolgt wird. Die Nationalversammlung hat der Vorlage im Dezember 2023 zugestimmt, die Beratung im Senat ist für Mai 2025 vorgesehen. Herzstück des Gesetzentwurfs ist die vollständige Abschaffung der bestehenden Zugangshürden zum zweiten Jahr des Medizinstudiums. Damit soll es den Universitäten möglich werden, mehr Studierende zuzulassen – insbesondere solche, die bislang aufgrund der Kapazitätsgrenzen ausgeschlossen wurden oder ins Ausland ausweichen mussten.
Der Minister erwartet, dass durch diese Maßnahme ab November 2026 jährlich 3.700 zusätzliche „docteurs juniors“ – Mediziner in fortgeschrittener Ausbildung – in das französische Gesundheitssystem eintreten werden. Dies wäre ein bedeutender Schritt zur Linderung des aktuellen Ärztemangels.
Integration ausländisch ausgebildeter Praktiker
Ein weiterer Baustein der Reform betrifft Mediziner, die außerhalb der Europäischen Union ihre Ausbildung absolviert haben – die sogenannten Padhue (praticiens à diplôme hors Union européenne). Für diese Gruppe plant Neuder eine rechtliche Gleichstellung, die ihnen eine reguläre Anstellung im französischen Gesundheitswesen ermöglicht. Nach seinen Angaben sollen so jährlich bis zu 1.600 zusätzliche Ärztinnen und Ärzte gewonnen werden, die bislang nur in befristeten oder prekären Anstellungsverhältnissen tätig waren.
Gleichzeitig betont der Minister, dass man kein System schaffen wolle, das Fachkräfte systematisch aus anderen Ländern abzieht. Frankreich solle keine medizinischen „Braindrains“ verursachen, sondern vorhandenes Potenzial im eigenen Land besser nutzen – etwa durch die Rückholung der im Ausland studierenden Franzosen und die Integration bereits im Land lebender Ausländer.
Strukturprobleme des Gesundheitswesens
Die Initiative reiht sich ein in eine Reihe von Maßnahmen, mit denen Frankreich in den vergangenen Jahren versucht hat, die medizinische Versorgung zu stabilisieren. So wurden finanzielle Anreize für die Niederlassung in unterversorgten Regionen geschaffen, Telemedizin ausgebaut und die Rolle von Pflegepersonal und medizinischen Fachangestellten gestärkt. Doch diese punktuellen Eingriffe konnten das grundlegende Problem nicht lösen: Die Zahl der praktizierenden Ärztinnen und Ärzte reicht nicht aus, um die Versorgung flächendeckend sicherzustellen.
Laut jüngsten Erhebungen fehlen in bestimmten Regionen Frankreichs bereits heute mehrere tausend Allgemeinmediziner. Auch bei Fachärzten zeigen sich zunehmend Engpässe, etwa in der Gynäkologie, Pädiatrie oder Psychiatrie. Der demografische Wandel verschärft die Situation: Viele Ärztinnen und Ärzte gehen in den kommenden Jahren in den Ruhestand, während die Zahl der nachrückenden Absolventen bislang nicht ausreicht, um die Lücken zu füllen.
Ein Paradigmenwechsel in der Ausbildungspolitik
Mit der Abschaffung der letzten Zulassungsbeschränkungen zum Medizinstudium vollzieht die französische Gesundheitspolitik einen Paradigmenwechsel. Während jahrzehntelang auf eine Begrenzung der Ausbildungskapazitäten gesetzt wurde, steht nun deren Ausweitung im Zentrum der Reformbemühungen. Die Hoffnung: Mehr Medizinstudierende heute bedeuten mehr Ärzte morgen – und damit eine nachhaltige Verbesserung der medizinischen Versorgung im ganzen Land.
Doch Kritiker warnen, dass die bloße Erhöhung der Anzahl der Studienplätze nicht ausreichen wird. Auch die Qualität der Ausbildung, die Zahl der verfügbaren Lehrkräfte und die Ausstattung der medizinischen Fakultäten müssten mitwachsen. Zudem bleibt abzuwarten, ob und in welchem Umfang die im Ausland studierenden Franzosen tatsächlich zur Rückkehr bewegt werden können. Entscheidend dürfte sein, ob ihnen ein unkomplizierter Zugang zu französischen Universitäten und zum Arbeitsmarkt geboten wird.
Die kommenden Monate werden zeigen, ob der französische Senat die Pläne des Ministers unterstützt – und ob es Frankreich gelingt, eine Wende in der Ausbildungspolitik zu vollziehen, die dem strukturellen Ärztemangel langfristig entgegenwirkt.
Autor: MAB