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Frankreichs Industrie: Der lange Weg zur Wiederbelebung – Was man von Deutschland lernen kann

Olivier Lluansi, Industrieexperte und ehemaliger Regierungsberater, bringt in seinem Buch „Réindustrialiser, le défi d'une génération“ (Die Herausforderung der Wiederindustrialisierung einer Generation) eine zentrale These auf den Punkt: Frankreich könnte weitaus stärker vom "Made in France" profitieren, wenn die öffentliche Hand genauso patriotisch handeln würde wie in Deutschland. 15 Milliarden Euro – Das Potenzial des „Made…

Foto Ant Rozetsky

Olivier Lluansi, Industrieexperte und ehemaliger Regierungsberater, bringt in seinem Buch „Réindustrialiser, le défi d'une génération“ (Die Herausforderung der Wiederindustrialisierung einer Generation) eine zentrale These auf den Punkt: Frankreich könnte weitaus stärker vom "Made in France" profitieren, wenn die öffentliche Hand genauso patriotisch handeln würde wie in Deutschland.

15 Milliarden Euro – Das Potenzial des „Made in France“

Eine Zahl, die aufhorchen lässt: Laut Lluansi könnte Frankreichs Wirtschaft um satte 15 Milliarden Euro stärker wachsen, wenn öffentliche Einkäufer heimische Produkte bevorzugen würden. Diese Summe entspricht einem Viertel des französischen Handelsbilanzdefizits. Und das bloß durch eine patriotischere Einkaufsstrategie der Regierung. Es ist erstaunlich – obwohl französische Verbraucher oft bereit sind, inländische Produkte zu bevorzugen, hinkt die öffentliche Hand diesem Trend hinterher.

Im Vergleich zeigt Deutschland, wie es geht: Hier werden heimische Produkte deutlich stärker gefördert und eingekauft. Eine solche Strategie könnte Frankreichs Defizit um ein Viertel senken – ein gewaltiger Schritt in Richtung einer ausgeglichenen Handelsbilanz bis 2035.

Realität vs. Vision: Ist das Ziel von 15 % Industrieanteil am BIP realistisch?

Im Jahr 2023 gab es von politischer Seite ein großes Versprechen: Bis 2035 soll der Anteil der Industrie am BIP auf 15 % steigen – das ist der europäische Durchschnitt. Doch Olivier Lluansi bremst die Erwartungen. Realistisch sei eine Steigerung auf etwa 12 bis 13 %. Das liegt nicht etwa am fehlenden Willen, sondern an sehr konkreten Herausforderungen.

Ein großes Problem: die Energieversorgung. Frankreich hat zwar ambitionierte Pläne zur Dekarbonisierung, aber es gibt nicht genügend saubere Energiequellen, um eine massive industrielle Expansion zu unterstützen. Zudem setzt das Land auf die „zéro artificialisation nette“ – das bedeutet, dass keine neuen Flächen mehr versiegelt werden dürfen, was die Errichtung neuer Fabriken stark einschränkt. Nicht zu vergessen: Es mangelt an Fachkräften. Selbst wenn man heute anfangen würde, müsste die Ausbildung von Arbeitskräften massiv ausgeweitet werden, um der steigenden Nachfrage in den nächsten zehn Jahren gerecht zu werden.

Wiederaufbau nach dem Stillstand

Seit der Finanzkrise 2008 hat sich der industrielle Abwärtstrend in Frankreich verlangsamt. Lluansi nennt dies eine „Stabilisierungsphase“, die etwa seit 2009 anhält. Doch Stagnation allein reicht nicht – es braucht eine echte Umkehr. Rund 20.000 Industriearbeitsplätze werden jedes Jahr neu geschaffen, doch um eine echte Wiederbelebung zu erreichen, müssten es mindestens dreimal so viele sein. Frankreich befindet sich also in einem „falschen Plateau“ – es wird Zeit, aus diesem Stillstand herauszukommen und ernsthafte Fortschritte zu machen.

Wie lässt sich das erreichen? Lluansi betont, dass es vor allem auf die bestehenden Unternehmen ankommt – die kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) und die sogenannten ETI (Unternehmen mittlerer Größe). Viele dieser Firmen haben Projekte in der Schublade, die bei ausreichender Unterstützung die Wiederindustrialisierung entscheidend vorantreiben könnten. Doch statt sie zu fördern, liegt der politische Fokus oft auf Start-ups und neuen Technologien.

Industrie und Umwelt: Ein Balanceakt

Ein weiteres Thema, das Lluansi stark betont, ist die Verbindung zwischen Industrie und Umweltschutz. Die Industrie der Zukunft muss in Einklang mit den Klimazielen stehen, da gibt es keinen Spielraum. Frankreichs industrielle Wiederbelebung darf nicht nur auf den Aufbau von Fabriken zielen, sondern muss gleich mehrere Ziele erfüllen: Reduzierung der CO₂-Bilanz, Stärkung der nationalen Souveränität und Schaffung hochwertiger Arbeitsplätze.

Spannend wird es, wenn man sich die Umweltaspekte genauer ansieht: Fast die Hälfte der französischen CO₂-Emissionen stammt aus importierten Produkten. Eine Wiederbelebung der heimischen Produktion könnte also einen doppelten Effekt haben – sie würde Arbeitsplätze schaffen und gleichzeitig die nationale CO₂-Bilanz verbessern. Die Industrie als Schlüssel zum Klimaschutz? Es klingt paradox, doch es ist genau das, was Lluansi vorschlägt.

Was macht Deutschland anders?

Es ist kein Geheimnis: Deutschland wird oft als Vorbild genannt, wenn es um Industriepolitik geht. Doch was genau macht Deutschland besser? Ein wesentlicher Punkt ist die Unterstützung der heimischen Produktion durch die öffentliche Hand. Der Staat kauft aktiv Produkte „Made in Germany“ – eine Strategie, die Frankreichs Politik, wie Lluansi es darstellt, bisher vernachlässigt hat.

Aber es gibt auch strukturelle Unterschiede. Deutschland verfügt über eine starke mittelständische Industrie, die sogenannten „Hidden Champions“. Diese mittelständischen Unternehmen sind oft Weltmarktführer in ihren Nischen und tragen erheblich zum Export und Wachstum des Landes bei. Frankreich hingegen hat weniger dieser mittelständischen Unternehmen und setzt stärker auf Großunternehmen und Start-ups.

Politische Verantwortung: Wie geht es weiter?

Der Appell von Lluansi an die Politik ist klar: Man sollte sich auf realistische Ziele konzentrieren und das nutzen, was bereits vorhanden ist. Innovationen sind wichtig, aber man darf dabei nicht vergessen, dass der Großteil der industriellen Basis bereits besteht – und gefördert werden muss.

Was die Steuerpolitik betrifft, so warnt Lluansi davor, die Unternehmen weiter zu belasten. Frankreich steht vor großen finanziellen Herausforderungen, und die Versuchung, durch höhere Unternehmenssteuern die Staatskassen zu füllen, ist groß. Doch dies könnte, so Lluansi, die bisherigen Fortschritte bei der Reindustrialisierung zunichtemachen.

Das Fazit?

Frankreich hat enormes Potenzial, seine Industrie wiederzubeleben – doch es wird ein langer und steiniger Weg. Die öffentliche Hand muss patriotischer einkaufen, das Fachkräfteproblem muss gelöst werden, und es braucht realistische Ziele. Und ja, der Blick nach Deutschland kann dabei helfen – aber Frankreich muss seinen eigenen Weg finden.

Frankreich hat bereits Schritte in die richtige Richtung gemacht, doch jetzt ist der Moment, in dem diese Schritte zu einem festen Marsch werden müssen.

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