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Frankreichs stiller Riss – Wie Hass auf Muslime und Juden die Republik herausfordert

Frankreich im Sommer 2025. Ein Land, das stolz ist auf seine Prinzipien von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit – und doch reißen religiöse Spannungen immer tiefere Gräben in diese republikanischen Werte. Die aktuellen Zahlen aus dem Innenministerium klingen wie ein Weckruf, der nicht überhört werden darf. 145 antimuslimische Straftaten zwischen Januar und Mai 2025. Das sind…

Die Zahl antisemitischer Vorfälle steigt in Frankreich stark an (Illustration Levi Meir Clancy)

Frankreich im Sommer 2025.

Ein Land, das stolz ist auf seine Prinzipien von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit – und doch reißen religiöse Spannungen immer tiefere Gräben in diese republikanischen Werte.

Die aktuellen Zahlen aus dem Innenministerium klingen wie ein Weckruf, der nicht überhört werden darf.

145 antimuslimische Straftaten zwischen Januar und Mai 2025.

Das sind 75 % mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Doch der bloße Prozentsatz verschleiert eine noch düstere Wahrheit: Mehr als zwei Drittel dieser Taten richteten sich direkt gegen Menschen. 99 körperliche Angriffe wurden verzeichnet, dreimal so viele wie 2024.

Besonders brutal: der Mord an Aboubakar Cissé. Ein junger Mann aus Mali, der im April in einer Moschee im Département Gard getötet wurde. Ein Ort des Gebets wurde zum Tatort – welches Symbol könnte stärker sein für die Gefahr, wenn Hass ungehemmt wächst?

Doch nicht nur Muslime sind betroffen.

Die Zahl antisemitischer Vorfälle bleibt ebenfalls erschreckend hoch. Zwischen Januar und Mai 2025 wurden 504 antisemitische Taten registriert. Zwar sind das weniger als die 662 Fälle im Vorjahr, doch es sind immer noch 134 % mehr als im gleichen Zeitraum 2023.

Anders gesagt: Das Niveau bleibt extrem hoch, mit einer erschütternden Konstante – 64 % der Taten sind Übergriffe auf Personen. 323 Angriffe in fünf Monaten.

Diese Entwicklung lässt sich bis zum 7. Oktober 2023 zurückverfolgen, dem Tag des Hamas-Angriffs auf Israel. Seither hat sich auch in Frankreich der gesellschaftliche Diskurs verhärtet. Ein Konflikt tausende Kilometer entfernt spaltet die Nachbarschaften von Paris bis Marseille.

Wer jetzt denkt, Christen seien von dieser Welle des Hasses verschont geblieben, irrt.

Die Statistik zeigt 322 antichristliche Vorfälle zwischen Januar und Mai 2025, ein Anstieg um 13 % im Vergleich zu 284 im Vorjahr.

In 84 % der Fälle ging es um Angriffe auf Gebäude, Kirchen, Friedhöfe. Manche brennen, andere werden mit Hakenkreuzen beschmiert oder systematisch verwüstet. Religiöse Feindschaft macht eben keinen Unterschied. Sie frisst sich wie Rost durch jede Gesellschaft, die sie zulässt.

Und was macht die Politik?

Im Mai 2024 rief die Regierung Konferenzen zur Bekämpfung des Antisemitismus ins Leben. Verbände, Religionsführer und Politiker sollten Maßnahmen entwickeln. Klingt gut auf dem Papier – doch die Realität ist komplizierter.

Der Posten des Regierungsbeauftragten zur Bekämpfung von Rassismus, Antisemitismus und LGBT-Hass ist seit Juni 2024 unbesetzt. Kein kleiner Verwaltungsfehler, sondern ein strukturelles Vakuum.

Wie will ein Staat mit den Flammen des Hasses fertigwerden, wenn er seinen eigenen Feuerwehrchef entlässt?

Im Kern dieser Entwicklungen liegt eine Frage, die über Statistiken hinausgeht: Wie kann eine Gesellschaft das Vertrauen ihrer Bürger sichern, wenn Menschen in Angst um ihre Sicherheit und Würde leben – nur aufgrund ihrer Religion?

Eine rhetorische Frage, gewiss. Und doch auch nicht. Denn ihre Beantwortung entscheidet darüber, ob Frankreich ein Land bleibt, in dem Verschiedenheit nicht als Bedrohung, sondern als Teil seiner selbst verstanden wird.

Es braucht mehr als Polizeischutz. Mehr als schön formulierte Pressemitteilungen. Es braucht Bildung, die Empathie lehrt, Justiz, die entschlossen schützt, und eine Politik, die Verantwortung nicht delegiert, sondern trägt.

Die Republik ist kein abstraktes Ideal. Sie lebt in Moscheen, Kirchen und Synagogen, auf Marktplätzen und Schulhöfen, in den Blicken ihrer Bürger.

Und sie stirbt, wenn Hass dort unbeantwortet bleibt.

Autor: Andreas M. B.