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Frankreichs Suche nach neuen Allianzen: Macrons Signal an Asien

Die politischen Machtverhältnisse in Asien verschieben sich. Während China seinen Einfluss ausweitet und die Vereinigten Staaten versuchen, geopolitisch dagegenzuhalten, bemühen sich mittelgroße Mächte wie Frankreich, ihre Rolle in dieser neuen Weltordnung zu definieren. In einem aufsehenerregenden Auftritt an der Universität für Wissenschaft und Technik in Hanoi im Mai 2025 hat der französische Präsident Emmanuel Macron…

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Die politischen Machtverhältnisse in Asien verschieben sich. Während China seinen Einfluss ausweitet und die Vereinigten Staaten versuchen, geopolitisch dagegenzuhalten, bemühen sich mittelgroße Mächte wie Frankreich, ihre Rolle in dieser neuen Weltordnung zu definieren. In einem aufsehenerregenden Auftritt an der Universität für Wissenschaft und Technik in Hanoi im Mai 2025 hat der französische Präsident Emmanuel Macron eine klare Position bezogen: Weg von der Abhängigkeit, hin zu einer multipolaren Ordnung mit neuen Allianzen in Südostasien.

Macrons Rede, gehalten während seines offiziellen Staatsbesuchs in Vietnam, war nicht nur ein diplomatisches Statement – sie war ein programmatischer Aufruf. Er warnte vor einer „Desinhibition der Supermächte“ – eine Formulierung, die in ihrer Drastik aufhorchen lässt. China und die USA, so Macron, agierten zunehmend ohne Rücksicht auf regionale Stabilität oder internationales Recht. In der Rivalität der Giganten sieht er eine Gefahr für den Weltfrieden – insbesondere mit Blick auf die Spannungen im Südchinesischen Meer.

Ein "dritter Weg" in der globalen Geopolitik

Macron sprach sich für einen „Weg der Freiheit“ aus – eine strategische Unabhängigkeit, die sich weder Washington noch Peking verpflichtet fühlt. Stattdessen setzt Frankreich auf selektive Kooperation und die Stärkung multilateraler Strukturen. Vietnam, als aufstrebende Wirtschaftsmacht mit geopolitischer Relevanz, bietet dafür einen idealen Partner. Der Besuch in Hanoi ist kein Zufall: Paris verfolgt schon seit Jahren eine Politik der verstärkten Präsenz in Südostasien, vor allem über wirtschaftliche Kooperationen, Entwicklungszusammenarbeit und sicherheitspolitischen Dialog.

Diese Haltung knüpft an das Konzept der "strategischen Autonomie" an, das Macron bereits 2017 in der Europäischen Union propagierte. Damals bezog sich diese Idee vor allem auf die militärische Eigenständigkeit Europas. Nun überträgt der französische Präsident sie auf den globalen Rahmen – und betont, dass auch Länder außerhalb der traditionellen Machtzentren das Recht auf Souveränität und Nicht-Ausrichtung haben.

Kritik am Protektionismus – implizite Botschaft an die USA

Nicht nur China, sondern auch die Vereinigten Staaten geraten in Macrons Kritik. Insbesondere die protektionistischen Wirtschaftspolitiken, die seit der ersten Trump-Ära zunehmend auch unter Präsident Biden fortgesetzt wurden, sieht er als Gefahr für den globalen Handel. Die „Deregulierung des Welthandels“, so Macron, führe zu Instabilität und schwäche gerade jene Länder, die auf offene Märkte angewiesen sind.

Diese Kritik ist besonders bemerkenswert, weil Frankreich ein enger Verbündeter der USA ist – sowohl in der NATO als auch in wirtschaftlichen Fragen. Dennoch zeigt Macron eine wachsende Bereitschaft, eigene Wege zu gehen. Er positioniert Frankreich als Akteur, der Prinzipien wie das Völkerrecht, Freihandel und Multilateralismus hochhält – auch wenn dies bedeutet, sich von traditionellen Partnern zu distanzieren.

Frankreichs neue Asien-Strategie

Der Besuch in Vietnam ist Teil einer breiter angelegten Asien-Strategie Frankreichs. Bereits 2023 hatte Paris seine „Indo-Pazifik-Strategie“ vorgestellt, die wirtschaftliche, sicherheitspolitische und ökologische Ziele miteinander verknüpft. Frankreich ist die einzige EU-Nation mit nennenswerter militärischer Präsenz im Pazifikraum – dank seiner Überseegebiete wie Neukaledonien und Französisch-Polynesien.

Im Rahmen dieser Strategie hat Frankreich seine Beziehungen zu Indien, Indonesien und Japan intensiviert. Mit Vietnam kommt nun ein weiteres wichtiges Land hinzu. Nicht nur historisch – Vietnam war französische Kolonie bis 1954 – sondern auch geopolitisch: Als unmittelbarer Nachbar Chinas, aber gleichzeitig mit einer langen Tradition der Abgrenzung gegenüber Peking, ist Vietnam ein logischer Partner für Frankreichs Ambitionen.

Die neue Blockfreiheit als Leitmotiv

Macrons Vision ist nicht neu, doch ihre Wiederbelebung in der aktuellen geopolitischen Konstellation ist bemerkenswert. Sie erinnert an die Bewegung der Blockfreien Staaten während des Kalten Krieges, die sich zwischen den Polen Moskau und Washington positionieren wollte. Heute, im 21. Jahrhundert, ist es nicht mehr der ideologische Gegensatz zwischen Kapitalismus und Kommunismus, sondern die Konkurrenz zwischen liberaler Ordnung und autoritärem Machtanspruch, die neue Trennlinien zieht.

Frankreichs Engagement in Asien – und Macrons Rede in Hanoi im Besonderen – kann als Versuch gelesen werden, einen neuen Block der mittleren Mächte zu formen. Staaten, die zwar wirtschaftlich eng verflochten sind mit den Großmächten, sich aber politisch nicht vereinnahmen lassen wollen. Staaten, die Kooperation ohne Abhängigkeit suchen.

Dieser Ansatz ist ambitioniert – und nicht ohne Risiko. Frankreich verfügt weder über die ökonomische Wucht noch über die militärische Macht, um in Asien mit den USA oder China zu konkurrieren. Doch gerade in Zeiten wachsender Unsicherheit und instabiler Allianzen könnte ein glaubwürdiger und prinzipientreuer Mittler gefragt sein.

Macron setzt auf Soft Power, Diplomatie und wirtschaftliche Partnerschaften. Die Reaktionen aus Hanoi waren positiv, doch entscheidend wird sein, ob es Frankreich gelingt, über bilaterale Initiativen hinaus ein belastbares Netzwerk gleichgesinnter Staaten aufzubauen. Die kommenden Jahre werden zeigen, ob Macrons Ruf nach Freiheit und Unabhängigkeit in Asien auf fruchtbaren Boden fällt – oder ob er im Lärm der Großmächte untergeht.

Von Andreas Brucker

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