Alle Artikel

Frankreichs süße Sucht: Warum Zucker die größte Versuchung bleibt

35 Kilo. So viel Zucker verzehrt jeder Mensch in Frankreich pro Jahr – im Durchschnitt. Das entspricht fast dem Doppelten des weltweiten Konsums und klar ist: Auch wenn das Bild vom Croissant zum Frühstück oder der Crème brûlée am Abend romantisch wirkt, ist es vor allem der versteckte Zucker in Fertigprodukten, der diesen Wert in…

Illustration Pixabay

35 Kilo. So viel Zucker verzehrt jeder Mensch in Frankreich pro Jahr – im Durchschnitt. Das entspricht fast dem Doppelten des weltweiten Konsums und klar ist: Auch wenn das Bild vom Croissant zum Frühstück oder der Crème brûlée am Abend romantisch wirkt, ist es vor allem der versteckte Zucker in Fertigprodukten, der diesen Wert in die Höhe treibt.
Ein süßes Problem, das längst nicht mehr nur eine Frage von Genuss ist, sondern von Gesundheit und Politik.

Zucker – der unsichtbare Begleiter

Man muss nicht einmal den Löffel in die Kaffeetasse tauchen, um täglich Unmengen an Zucker aufzunehmen. Er steckt im Joghurt, im Müsliriegel, in der Tiefkühlpizza und sogar im Salatdressing. Die französische Lebensmittelbehörde Anses schlägt Alarm: Rund ein Viertel aller Erwachsenen und Jugendlichen konsumiert mehr als 100 Gramm Zucker pro Tag. Bei Kindern sieht es noch dramatischer aus – 60 Prozent der Acht- bis Zwölfjährigen und sogar drei von vier Kindern im Alter zwischen vier und sieben Jahren liegen deutlich über den empfohlenen Grenzen.
Eine Generation wächst heran, die schon früh an süße Kost gewöhnt ist.

Jugendliche im Fadenkreuz

Wer Teenager kennt, weiß: Ein Handy in der Hand, ein Softdrink in der anderen – so sieht Freizeit oft aus. Kein Zufall. Denn kaum eine Zielgruppe wird so intensiv mit Werbung bombardiert wie Jugendliche. Fast-Food-Ketten, Energy-Drinks, knallbunte Cerealien – alles, was cool wirkt, ist meist auch voller Zucker.
Dazu kommt die soziale Komponente: Wer mit Freunden nach der Schule in die Bäckerei geht, sagt schwer Nein zum Schoko-Croissant. Und so schleichen sich Gewohnheiten ein, die den Körper langfristig belasten. Von Übergewicht bis Typ-2-Diabetes – die Risiken sind bekannt, aber im Alltag oft weit weg. Wer denkt schon mit 15 an Blutzuckerwerte?

Politische Maßnahmen – zahnlos oder zu zaghaft?

Frankreich hat durchaus versucht gegenzusteuern. Seit 2012 gibt es eine Steuer auf zuckrige Getränke, 2018 wurde sie noch verschärft. Der Effekt? Eher überschaubar. Zwar reduzierten manche Hersteller den Zuckergehalt, doch an den Supermarktregalen dominieren weiterhin süße Limonaden.
2024 stand eine neue Zuckersteuer auf stark verarbeitete Produkte im Raum. Doch die Regierung knickte ein – zu viel Widerstand, zu viel Lobbydruck. Stattdessen appellierte man an die Industrie, Rezepte freiwillig gesünder zu gestalten. Das klingt nett, ist aber so wirksam wie ein Regenschirm bei Sturm.
Immerhin wurde der Nutri-Score überarbeitet, das farbige Label auf Verpackungen. Es soll nun stärker berücksichtigen, wie viel Zucker ein Produkt enthält. Doch das Label bleibt freiwillig. Wer seine Chips oder Kekse lieber ohne Gesundheits-Ampel verkaufen will, darf das.

Zucker – eine echte Sucht?

Ist Zucker wirklich wie eine Droge? Darüber streiten Wissenschaftler leidenschaftlich. Manche Studien zeigen, dass Zucker die gleichen Belohnungszentren im Gehirn aktiviert wie Nikotin oder Alkohol. Andere Forscher warnen vor Übertreibung: Zucker löst keine klassische Abhängigkeit aus, sagen sie, sondern schlicht Gewohnheiten, die schwer zu durchbrechen sind.
Eines ist klar: Der Zucker sitzt uns tiefer im Alltag im Nacken, als vielen bewusst ist. Nicht wenige sind überrascht, wenn sie zum ersten Mal auf Etiketten achten und feststellen, dass selbst im vermeintlich gesunden Smoothie zehn Stück Würfelzucker stecken.
Und mal ehrlich: Wer hat nicht schon einmal gedacht „nur ein Keks“, und plötzlich ist die ganze Packung leer?

Hoffnung: Bildung und Bewusstsein

Die Frage lautet also: Wie bricht man aus dem süßen Teufelskreis aus? Sicher nicht nur durch Steuern und Verbote. Vielmehr braucht es Aufklärung – in Schulen, in Familien, in Medien. Kinder und Jugendliche müssen lernen, was Zucker im Körper anrichtet und welche Alternativen es gibt.
Zudem müssen Politik, Wirtschaft und Gesundheitswesen an einem Strang ziehen. Umformulierungen, klare Kennzeichnungen und Kampagnen, die nicht mit erhobenem Zeigefinger kommen, sondern Lust auf gesündere Ernährung machen.
Denn eins ist sicher: Ein Stück Kuchen zum Geburtstag wird niemandem schaden. Aber wenn Zucker jeden Tag, jede Mahlzeit begleitet, wird aus Genuss eine Falle.

Frankreich liebt den süßen Geschmack – doch die Rechnung dafür ist hoch. Ob das Land den Weg in eine gesündere Zukunft schafft, hängt davon ab, ob aus einzelnen Maßnahmen eine echte Bewegung wird.
Vielleicht ist der erste Schritt schon getan, wenn man beim nächsten Einkauf einfach mal das Etikett liest.

Autor: MAB

Ende des Artikels