„Millefeuille administratif“ – ein Ausdruck, der in Frankreich wie ein Running Gag kursiert, aber längst keiner mehr ist. Er beschreibt das verwirrende Gebilde aus zahllosen Verwaltungsebenen, das das französische Territorium durchzieht – wie ein Blätterteig aus Zuständigkeiten, Regeln und politischer Geschichte. Doch ist Frankreich wirklich allein mit dieser Komplexität? Oder ist das nur ein nationales Narrativ in Zeiten zunehmender Kritik an Ineffizienz und Bürgerferne?
Schichten über Schichten – das territoriale Puzzle
Beginnen wir mit einem eindrucksvollen Zahlenspiel: Frankreich zählt rund 34.932 Gemeinden – das entspricht fast 40 % aller Kommunen in der gesamten EU. Und das, obwohl das Land „nur“ rund 68 Millionen Einwohner hat. Die durchschnittliche Gemeinde hat 1.800 Einwohner – zum Vergleich: In Deutschland sind es mehr als 7.000, in Italien rund 7.500.
Doch damit nicht genug: Hinzu kommen interkommunale Verbände, 96 Départements, 13 Regionen, dazu spezialisierte Agenturen und gemischte Syndikate. Was nach einem überambitionierten Puzzle klingt, ist in Wirklichkeit das Ergebnis jahrhundertelanger Zentralisierung – und wiederholter, teils halbherziger Dezentralisierungsversuche seit den 1980er-Jahren.
Ein System, das Geld kostet – und Nerven
Laut einem Bericht des Bürgermeisters von Charleville-Mézières, Boris Ravignon, summieren sich die durch Kompetenz-Wirrwarr entstehenden Kosten auf satte 7,5 Milliarden Euro jährlich. Die Verteilung: 4,8 Milliarden gehen auf das Konto der Kommunen, 696 Millionen auf die Interkommunen, 355 Millionen auf die Départements, 117 Millionen auf die Regionen – und immerhin 1,5 Milliarden trägt der Staat selbst.
Was da so teuer ist? Vor allem der immense Koordinationsaufwand. Beispiel Schule: Während der Staat die Lehrkräfte stellt, sorgen Kommunen für die Gebäude und Ausstattung, Départements für die Transportmittel – ein Hürdenlauf der Zuständigkeiten.
Demokratisch – aber auch demokratisch undurchsichtig?
Neben den Finanzen ist die mangelnde Übersichtlichkeit ein Problem. Wer ist wofür verantwortlich? Wo beginnt die Zuständigkeit des Départements, wo endet die der Gemeinde? Diese Unklarheit erschwert nicht nur den Alltag der Verwaltung, sondern auch den der Wählerinnen und Wähler. Wie soll man sinnvoll wählen, wenn unklar ist, wofür die gewählten Vertreter eigentlich zuständig sind?
„Wählen ist gut – aber man sollte schon wissen, wofür“, bringt es Ravignon auf den Punkt.
Reform – ja, aber wie?
Ideen zur Vereinfachung gibt es zuhauf. Die radikalste: die Abschaffung eines ganzen Verwaltungselements – etwa der Départements. Doch diese Idee polarisiert. Gegner warnen vor neuen Problemen, etwa im Bereich der sozialen Fürsorge, die stark von Départements getragen wird.
Andere Vorschläge sind pragmatischer: Zuständigkeiten klarer definieren, Normen entschlacken, weniger Doppelstrukturen schaffen. Eine der Empfehlungen: Die Zuständigkeit für Seniorenpolitik soll allein den Départements übertragen, die Straßenverwaltung komplett den Gemeinden überlassen werden.
Doch wie so oft in Frankreich: Reformwille trifft auf Stolz und Tradition. Und manchmal auch auf lokale Identität, die sich gegen jede Zentralisierung sträubt.
Europäischer Vergleich – ist Frankreich die Ausnahme?
Blicken wir ins Ausland, wirkt Frankreichs Struktur tatsächlich wie ein Ausreißer. Deutschland kommt mit etwa 11.000 Gemeinden bei deutlich größerer Bevölkerung aus, Italien mit etwa 8.000. Auch in diesen Ländern gibt es Verwaltungsprobleme – aber keines hat ein System, das so tief zergliedert ist wie das französische.
Diese Sonderstellung ist kein Zufall, sondern historisch gewachsen – und kulturell verwurzelt. Doch genau darin liegt das Dilemma: Was bewahrt werden soll, muss gleichzeitig reformiert werden. Und das ist – wie man so schön sagt – ein Drahtseilakt.
Und jetzt?
Frankreich steht an einem Wendepunkt. Der Wille zur Vereinfachung ist da – bei vielen Bürgermeistern, Fachleuten und selbst auf Regierungsebene. Doch wie jede tiefgreifende Reform braucht auch diese Mut, Geduld und Überzeugungskraft.
Bleibt die Frage: Will Frankreich ein moderner Verwaltungsstaat sein – oder ein lebendiges Museum seiner Verwaltungstradition?
Von Andreas M. Brucker