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Gaza am Rand des Roten Teppichs: Der Schatten des Krieges über Cannes

Die Sonne, das Meer, der Glamour – Cannes ist wie jedes Jahr bereit für Blitzlichtgewitter, Premieren und große Gefühle. Doch 2025 zieht sich ein tiefer Schatten über die Croisette. Der Nahostkonflikt, insbesondere das Drama um Gaza, rückt diesmal unübersehbar ins Zentrum des renommierten Filmfestivals. Kein roter Teppich kann die Realität verdecken, die viele Filmschaffende mit…

Foto Hermann

Die Sonne, das Meer, der Glamour – Cannes ist wie jedes Jahr bereit für Blitzlichtgewitter, Premieren und große Gefühle. Doch 2025 zieht sich ein tiefer Schatten über die Croisette. Der Nahostkonflikt, insbesondere das Drama um Gaza, rückt diesmal unübersehbar ins Zentrum des renommierten Filmfestivals. Kein roter Teppich kann die Realität verdecken, die viele Filmschaffende mit Wucht und Herzblut auf die Leinwand bringen.

Schon die Eröffnungszeremonie am 13. Mai wird unter scharfer Beobachtung stehen. Man wartet auf Statements, auf Zeichen, auf Mut. Denn die Worte werden diesmal genauso laut sein wie die Bilder. Erinnerungen an die Berlinale im Februar werden wach, als Tilda Swinton das „Unmenschliche vor unseren Augen“ anprangerte – ohne Namen zu nennen, aber mit klarer Botschaft.

Zwei Filme stechen im diesjährigen Programm besonders hervor – und beide stammen von Regisseuren, die Gaza tief in sich tragen.

Da sind die Brüder Tarzan und Arab Nasser, selbst aus Gaza stammend, seit Jahren im Exil. Ihr neuer Film Il était une fois à Gaza – eine tragikomische Fabel – ist eine Hommage an eine Heimat voller Schmerz, aber auch voller Poesie. Der zweite, wohl noch intensivere Beitrag ist der Dokumentarfilm Put Your Soul on Your Hand and Walk der iranischen Regisseurin Sepideh Farsi. Seine Protagonistin: Fatima Hassouna, eine 25-jährige Fotografin aus Gaza. Eine junge Frau mit Mut, Vision – und einem tragischen Schicksal.

Fatima wurde am 16. April 2025 von einem israelischen Luftangriff getötet. Nur einen Tag zuvor hatte sie erfahren, dass der Film, in dem sie im Zentrum steht, für Cannes ausgewählt wurde. Ihre Familie starb mit ihr – lediglich ihre Mutter überlebte. Der Film – und die geplante Weltpremiere am 15. Mai – werden nun zum stillen Denkmal einer Frau, die ihr Leben dokumentierte, bis es ihr genommen wurde.

Sepideh Farsi ist selbst politisch verfolgt, lebt seit Jahren im Exil in Frankreich. Mit Fatima verband sie ein digitales Band – Gespräche per Video, Austausch über soziale Netzwerke. Da internationale Journalisten Gaza nicht betreten dürfen, war es die einzige Möglichkeit, gemeinsam an dem Film zu arbeiten. Farsi erinnert sich: „Ich dachte bis zuletzt, sie würde kommen. Dass die Gewalt ein Ende findet. Aber wir lagen falsch.“

Was bleibt, ist Fatimas Lächeln.

Ihre grünen Augen, ihre Aufnahmen aus dem Alltag, der von Trümmern, aber auch von Stolz erzählt – all das wird nicht nur im Film sichtbar sein. In Cannes wird parallel eine Ausstellung mit ihren Fotografien zu sehen sein. Ein Blick in eine Welt, die viele lieber ignorieren würden. Aber wie könnte man, wenn das Leid nun in gestochen scharfen Bildern auf den Festivalwänden hängt?

Dass auch der israelische Regisseur Nadav Lapid – ein bekennender Kritiker der Politik seines Heimatlandes – mit seinem neuen Film Yes kurzfristig zur Quinzaine des Cinéastes eingeladen wurde, unterstreicht das Spannungsfeld. Sein Film spielt in Israel, direkt nach dem 7. Oktober 2023. Im Mittelpunkt: ein Musiker, der einen neuen Nationalhymnus komponieren soll – inmitten von Trauer und politischer Zerreißprobe.

Die Zahlen, die den Rahmen dieses künstlerischen Aufeinandertreffens bilden, sprechen eine eigene Sprache. Über 52.000 Tote in Gaza – laut Angaben des dortigen Gesundheitsministeriums, das als verlässliche Quelle der UN gilt. Auf israelischer Seite wurden am 7. Oktober 2023 über 1.200 Menschen getötet, die meisten davon Zivilisten. 58 Entführte werden noch immer in Gaza festgehalten, 34 davon für tot erklärt.

Was heißt es, in einem solchen Kontext einen Film zu zeigen?

Für Sepideh Farsi bedeutet es, Verantwortung zu tragen. Für Cannes ist es die Chance, über Kunst mehr zu sagen als Worte je könnten. Und für die Zuschauer – eine Einladung zum Innehalten, zum Nachdenken, zum Mitfühlen. Nicht mit Parolen, sondern mit den Stimmen jener, die sonst kein Gehör finden.

Cannes bleibt also Bühne – diesmal aber nicht nur für Stars, sondern für Menschen wie Fatima Hassouna. Eine Frau, die der Welt zeigen wollte, wie das Leben in Gaza wirklich ist. Nicht politisch gefärbt, nicht medial gefiltert – sondern ganz unmittelbar, durch die Linse ihrer Kamera.

Ob sie sich je hätte vorstellen können, dass ihre Fotos einmal an der Côte d’Azur hängen würden? Vielleicht. Wahrscheinlich aber hätte sie sich etwas ganz anderes gewünscht: Frieden.

Von Andreas M. Brucker

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