Ein paar Schritte vom belebten Boulevard Jean-Médecin entfernt – einem der Herzstücke von Nizza – herrscht plötzlich Stille. Kein spontanes Gedränge, keine vorbeihastenden Passanten, kaum Lärm. Stattdessen: Polizeipräsenz, kontrollierter Zugang, gezielte Fragen. Seit dem 16. Juli ist die Rue Tiranty zwischen 8 und 20 Uhr nur noch für Anwohner, Kundschaft und medizinisch begründete Besuche zugänglich. Grund für diese drastische Maßnahme: Drogenkonsum, offen, unverhohlen, mitten im Stadtzentrum.
Was nach einer Maßnahme zur Wiederherstellung von Sicherheit und Sauberkeit klingt, ist in Wahrheit ein politisches Pulverfass. 144 Vorfälle im Zusammenhang mit offenem Drogenkonsum wurden seit Jahresbeginn registriert – eine Verdreifachung gegenüber 2024. Die Rede ist von gebrauchten Spritzen auf dem Gehweg, aggressiven Zwischenfällen, beunruhigten Anwohnern.
Nizzas Bürgermeister Christian Estrosi spricht von einer „intolerablen Situation“, die zum Eingreifen zwinge. Mit Sicherheitskräften, Zugangskontrollen und medialer Aufmerksamkeit soll das Viertel wieder bewohnbar gemacht werden. Doch wohin verschwinden die Menschen, deren Verhalten als problematisch gilt? Einfach in eine andere Straße?
„Show“ oder Schutz? Die Reaktionen klaffen auseinander
Während einige Geschäftsinhaber dankbar aufatmen, dass ihre Kundschaft nicht mehr von erschreckenden Szenen abgeschreckt wird, vermuten andere hinter dem Schritt eine medienwirksame Inszenierung. Der konservative Abgeordnete Éric Ciotti spricht von einem „kommunikativen Stunt“. Kritisiert wird nicht nur die Effektivität, sondern auch die rechtliche Grauzone dieser Maßnahme: Wer entscheidet, wer passieren darf? Und woran wird das überhaupt festgemacht?
Die Stadtverwaltung versichert: Es gibt keine diskriminierenden Kontrollen, die Überprüfung erfolgt visuell und situationsabhängig. Doch gerade in einem sensiblen sozialen Gefüge reicht schon der Eindruck von Willkür, um Vertrauen nachhaltig zu erschüttern.
Gesundheitspolitik: Baustelle mit leerem Fundament
Noch problematischer ist jedoch das, was fehlt: ein strukturierter, langfristiger Ansatz für Suchterkrankungen. Bereits 2022 war ein CAARUD (Zentrum für risikoarmen Drogenkonsum) geplant – ein Ort, an dem Suchtkranke unter medizinischer Aufsicht konsumieren und gleichzeitig soziale und gesundheitliche Hilfe erhalten können. Doch der Plan wurde gekippt, ausgerechnet wegen Widerstands aus der Nachbarschaft und dem Rathaus.
Die aktuelle Idee: ein mobiler Bus mit sanitären und betreuenden Angeboten. Klingt pragmatisch – ist aber bisher nicht mehr als eine Skizze auf dem Papier. Die Betroffenen selbst? Finden sich derweil in einem Niemandsland zwischen Ablehnung und Ignoranz wieder.
Ein lokales Drama mit nationalem Echo
So außergewöhnlich die Schließung der Rue Tiranty erscheinen mag – sie ist kein Einzelfall. Paris hat es vorgemacht, andere Städte folgen: die Debatte über „Fixerstuben“, „Konsummobilen“ oder „Sicherheitszonen“ polarisiert. Während Befürworter auf wissenschaftliche Studien zur Risikominimierung und Kriminalitätsreduktion verweisen, befürchten Gegner eine Normalisierung von Drogenkonsum im öffentlichen Raum.
Die Wahrheit liegt – wie so oft – dazwischen. Denn wer das Thema nur unter dem Aspekt von Ordnungspolitik betrachtet, blendet aus, dass Sucht eine Krankheit ist. Und wer sich ausschließlich auf Therapieangebote verlässt, ignoriert die Ängste der Bevölkerung, die in ihrem Alltag mit extremen Situationen konfrontiert wird.
Was nun? Zwischen Wirklichkeit und Wunschdenken
Die Rue Tiranty in Nizza zeigt im Kleinen, was im Großen fehlt: eine Strategie, die Menschen nicht nur verlagert, sondern begleitet. Nicht mit Zäunen und Kontrollen, sondern mit Konzepten, die Gesundheitsversorgung, Sozialarbeit und Prävention miteinander verweben. Natürlich – eine Straße zu sperren, lässt sich schneller umsetzen als ein Therapiezentrum zu bauen. Aber wohin führt diese Richtung?
Vielleicht muss sich die Stadt fragen, ob Sicherheit und Mitmenschlichkeit wirklich Gegensätze sind. Oder ob beides nicht nur gemeinsam funktioniert.
Autor: Andreas M. Brucker