Man nehme ein heiß diskutiertes Gesetz, würze es mit Umweltbedenken, politischen Grabenkämpfen und landwirtschaftlichen Interessenskonflikten – heraus kommt die „Duplomb“-Initiative, die aktuell Frankreichs Nationalversammlung aufheizt. Ein Vorhaben, das nicht nur den Alltag von Landwirten umkrempeln, sondern auch das ökologische Gleichgewicht des Landes auf die Probe stellen könnte.
Ein Name, der polarisiert
Der Name Laurent Duplomb ist in Frankreichs Politiklandschaft derzeit omnipräsent. Der konservative Senator aus der Haute-Loire will mit seinem Gesetzespaket – offiziell „Proposition de loi visant à lever les contraintes à l’exercice du métier d’agriculteur“ – den Landwirten das Leben erleichtern. Sein Versprechen: Weniger Bürokratie, mehr Wettbewerbsfähigkeit, größere Freiheit beim Einsatz von Pflanzenschutzmitteln. Klingt zunächst harmlos. Doch der Teufel steckt im Detail.
Denn was Befürworter als „Befreiungsschlag“ für die Landwirtschaft feiern, sehen Umwelt- und Gesundheitsverbände als eine Einladung zur Rückkehr in alte, schädliche Praktiken. Vor allem eine Maßnahme sticht heraus: Die geplante Wiedereinführung des Insektizids Acétamipride, das zu den berüchtigten Neonicotinoiden gehört.
Ein alter Bekannter kehrt zurück – und mit ihm die Kritik
Acétamipride ist kein Neuling auf dem europäischen Agrarmarkt. In der EU ist die Substanz zwar weiterhin bis 2033 zugelassen – in Frankreich jedoch seit 2018 verboten. Der Grund: Die wissenschaftlichen Hinweise mehren sich, dass Acétamipride nicht nur Bienen und andere Bestäuber massiv schädigt, sondern auch mit neurologischen Erkrankungen bei Kindern und einem erhöhten Krebsrisiko bei Erwachsenen in Verbindung steht.
Soll man wirklich ein solches Mittel wieder auf die Felder lassen – in einer Zeit, in der das Artensterben rasant voranschreitet und das Vertrauen der Bevölkerung in die Umweltpolitik ohnehin auf wackeligen Beinen steht?
Wenn Demokratie zum Stolperstein wird
Doch nicht nur der Inhalt des Gesetzes erhitzt die Gemüter. Auch das parlamentarische Vorgehen sorgt für Empörung. Über 3.500 Änderungsanträge wurden – vor allem von Grünen und linken Parteien – eingereicht. Eine gesunde demokratische Debatte also? Nicht unbedingt. Denn um die Diskussion im Plenum zu umgehen, wollen die Regierungsparteien die sogenannte „Motion de rejet préalable“ ziehen. Ein Schachzug, der das Gesetz direkt in die Kommission zur Endabstimmung befördert – ohne öffentliche Debatte.
Ein demokratischer Super-GAU, sagen die Kritiker. Wer Angst vor der Diskussion habe, solle keine Gesetze machen. Oder anders gesagt: Wenn die politische Mehrheit die Debatte scheut – was sagt das über die Qualität des Gesetzes aus?
Zerrissene Landwirtschaft
Auch innerhalb der Agrarwelt ist keine Einigkeit in Sicht. Während große Verbände wie die FNSEA und die Coordination Rurale auf den gesetzgeberischen Rückenwind hoffen, um wirtschaftlich durchzuatmen, schlagen kleinere Bauerninitiativen wie die Confédération paysanne Alarm. Für sie ist klar: Die „Duplomb“-Initiative bevorzugt industrielle Großbetriebe und schadet kleineren, ökologisch wirtschaftenden Höfen. Von Nachhaltigkeit keine Spur – stattdessen ein Rückfall in alte Muster.
Nicht ohne Grund gehen beide Lager auf die Straße. Traktoren rollen durch Paris, Plakate hängen an den Stadträndern – jede Seite beansprucht die „Zukunft der Landwirtschaft“ für sich.
Ein Test für den Präsidenten
Für die Regierung von Emmanuel Macron ist die „Duplomb“-Initiative mehr als nur ein Gesetz. Sie ist ein Lackmustest: Schafft es die Mehrheit, ökonomische Interessen der Landwirtschaft mit den ökologischen Zielsetzungen des Landes zu vereinen? Oder scheitert sie an ihren eigenen Widersprüchen?
Denn während Frankreich auf internationalen Konferenzen als Vorreiter in Sachen Klimaschutz auftritt, wirkt ein Gesetz, das problematische Pestizide zurück auf die Felder bringt, wie ein politischer Rückschritt. Dieser innere Widerspruch nagt nicht nur an der Glaubwürdigkeit der Regierung – er macht auch deutlich, wie komplex die Balance zwischen Umwelt- und Agrarpolitik tatsächlich ist.
Wohin steuert Frankreichs Agrarpolitik?
Noch ist unklar, wie die Abstimmung ausgeht. Die Auseinandersetzung ist offen, die Fronten sind verhärtet. Was sicher ist: Der Ausgang dieses Gesetzgebungsverfahrens wird weitreichende Folgen haben – für die Umwelt, die Gesundheit und das Vertrauen in die Demokratie.
Was wäre, wenn man sich einfach mal hinsetzt – und die wirklich Betroffenen anhört?
Die Zukunft der Landwirtschaft in Frankreich hängt nicht nur an Paragrafen und Pestiziden – sondern an der Fähigkeit, langfristig zu denken. Die Duplomb-Initiative hat den Finger tief in die Wunde gelegt. Nun liegt es an der Politik, ob sie heilt – oder weiter eitert.
Von Andreas M. Brucker