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Gewalt als Markenstrategie – Wie radikale rechtsextreme Bewegungen über illegale Free-Fight-Kämpfe neue Anhänger gewinnen

In dunklen Ruinen und verfallenen Lagerhallen irgendwo in Südfrankreich oder am Rand der Pariser Banlieue fliegen die Fäuste. Zwei Männer treten in einem improvisierten Ring gegeneinander an – ohne Handschuhe, ohne Regeln, ohne Sicherheit. Die Szene ist brutal. Blut tropft auf Beton. Im Hintergrund johlt das Publikum. Und das alles vor laufender Kamera. Was nach…

Illustration Enzo B
KI-Illustration

In dunklen Ruinen und verfallenen Lagerhallen irgendwo in Südfrankreich oder am Rand der Pariser Banlieue fliegen die Fäuste. Zwei Männer treten in einem improvisierten Ring gegeneinander an – ohne Handschuhe, ohne Regeln, ohne Sicherheit. Die Szene ist brutal. Blut tropft auf Beton. Im Hintergrund johlt das Publikum. Und das alles vor laufender Kamera.

Was nach einer Szene aus einem dystopischen Film klingt, ist Realität: Illegale „Bareknuckle“-Kämpfe, gefilmt und verbreitet auf Instagram, TikTok und YouTube, erreichen hunderttausende Zuschauer. Was auf den ersten Blick wie eine Untergrund-Variante des MMA-Sports wirkt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als Teil einer bewusst inszenierten Rekrutierungs- und Propagandastrategie rechtsextremer Gruppen.

Free-Fight als Türöffner zur Szene

Die professionell produzierten Videos zeigen nicht nur rohe Gewalt, sondern auch muskulöse, tätowierte Kämpfer, die sich als Alphatiere inszenieren – mit Anspielungen auf „Männlichkeit“, „Disziplin“ und „Kameradschaft“. Sport ist hier kein Selbstzweck, sondern ein Trägermedium für politische Botschaften. Kampfkunst wird zur Chiffre für Widerstand, körperliche Stärke zur Voraussetzung für ideologische Führungsansprüche.

Zentral ist dabei die Ästhetik: Martialische Musik, dramatische Schnitte, stilisierte Schwarz-Weiß-Aufnahmen – alles wirkt wie eine Hochglanzproduktion. Die Sprache ist rau, aber klar codiert: Begriffe wie „Ehre“, „Blut“, „Tradition“ oder „Nation“ stehen im Mittelpunkt. So wird Gewalt nicht nur legitimiert, sondern romantisiert.

Milieus, Marken, Männerbilder

Die Protagonisten dieser Szene geben sich als Influencer mit politischer Agenda. Auf ihren Social-Media-Kanälen mischen sich Trainingstipps, Proteinshakes und Bilder von Kampfhunden mit offen rechtsextremen Symbolen – von Runen über „White Power“-Tattoo bis zur Verherrlichung faschistischer Führerfiguren. Das Publikum: meist jung, männlich, auf der Suche nach Orientierung und Zugehörigkeit.

Nicht selten stammen die Kämpfer selbst aus ehemaligen Militär- oder Hooliganstrukturen. Der Übergang vom Kampfsportler zum Milieuaktivisten ist dabei fließend. Einige von ihnen vertreiben Kleidung mit neonationalistischen Logos oder betreiben Youtube-Kanäle mit verschwörungsideologischen Inhalten. So entsteht ein Netzwerk aus Merchandising, Fitness, Ideologie – eine Subkultur mit eigener Symbolik, Sprache und klarer Feindmarkierung.

Die Rolle organisierter Gruppen

Auffällig ist die Nähe vieler dieser Veranstaltungen zu bekannten rechtsextremen Bewegungen. Gruppen wie „Active Club“, ursprünglich aus den USA stammend, propagieren ein Weltbild, das Sport, Nationalismus und militanten Rassismus miteinander verbindet. Die dahinterstehende Strategie: durch körperliche Ertüchtigung eine „Elite“ herausbilden, die bereit ist, notfalls mit Gewalt gegen den vermeintlichen moralischen und ethnischen Verfall der westlichen Gesellschaft vorzugehen.

Dabei dient die Teilnahme an Free-Fight-Kämpfen nicht nur der Selbstinszenierung. Sie ist oft Teil eines Initiationsrituals innerhalb dieser Gruppierungen. Wer kämpft, gehört dazu – wer verliert, muss sich beweisen. Die Szene belohnt Härte, Loyalität und die Bereitschaft zur Eskalation. Der Kampf selbst wird zur symbolischen Grenzüberschreitung: Weg vom zivilen Leben, hinein in eine martialisch aufgeladene Parallelwelt.

Der Reiz des Verbotenen

Die mediale Inszenierung dieser Kämpfe spielt bewusst mit dem Tabubruch. Ihre Illegalität wird nicht versteckt, sondern als Teil des Reizes dargestellt. Wer sich gegen Regeln stellt, so die implizite Botschaft, ist ein Rebell – ein Kämpfer gegen das „System“. Gerade für junge Männer, die sich ohnmächtig oder perspektivlos fühlen, kann dies hoch attraktiv sein.

Dazu kommt die Dynamik sozialer Netzwerke: Algorithmen belohnen extreme Inhalte mit Reichweite. Ein Clip, der einen blutverschmierten Kämpfer mit nationalistischen Tattoos zeigt, kann sich binnen Stunden viral verbreiten. Der Schritt von der Faszination für brutalen Sport zur ideologischen Vereinnahmung ist oft nur ein Klick entfernt.

Ohne explizite Parteipolitik zu betreiben, gelingt es diesen Gruppen so, eine Kultur der Radikalisierung zu schaffen – niedrigschwellig, anschlussfähig und ästhetisch reizvoll. Der Sport wird zum Vehikel für eine politische Mission, die auf Konfrontation und Abgrenzung basiert.

Am Ende bleibt der Eindruck einer beunruhigenden Entwicklung: Während der organisierte Sport mit Regeln, Ethik und Fairplay um gesellschaftliche Anerkennung ringt, entstehen in seinem Schatten Parallelwelten, in denen Gewalt zur Währung wird – und zur Eintrittskarte in eine extremistische Szene, die keine Regeln kennt, außer der des Stärkeren.

Autor: P. Tiko

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