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Gewalt und Bedrohungen gegen Lehrkräfte: Anstieg der Schutzanfragen nach dem Mord an Samuel Paty

Seit dem Mord an Samuel Paty im Jahr 2020 hat sich die Zahl der Anfragen von Lehrkräften auf Schutz durch die sogenannte „protection fonctionnelle“ verdoppelt. 2023 verzeichnete das französische Bildungsministerium fast 5.000 solcher Anfragen – doppelt so viele wie noch 2021. Dieses Schutzsystem ermöglicht Lehrkräften, die bedroht oder angegriffen werden, unter anderem juristische Unterstützung und…

Von Islamisten ermordet: Die Lehrer Dominique Bernard (links) und Samuel Paty (rechts).

Seit dem Mord an Samuel Paty im Jahr 2020 hat sich die Zahl der Anfragen von Lehrkräften auf Schutz durch die sogenannte „protection fonctionnelle“ verdoppelt. 2023 verzeichnete das französische Bildungsministerium fast 5.000 solcher Anfragen – doppelt so viele wie noch 2021. Dieses Schutzsystem ermöglicht Lehrkräften, die bedroht oder angegriffen werden, unter anderem juristische Unterstützung und medizinische Versorgung.

Am Montag, dem 14. Oktober, wird in französischen Schulen eine Schweigeminute abgehalten, um der getöteten Lehrer Samuel Paty und Dominique Bernard zu gedenken. Beide Lehrer wurden Opfer extremistischer Gewalt im Zusammenhang mit ihrer beruflichen Tätigkeit. Diese Tragödien haben nicht nur die französische Gesellschaft tief erschüttert, sondern auch einen gravierenden Anstieg der Schutzanfragen von Lehrkräften ausgelöst.

Was ist „protection fonctionnelle“?

Die protection fonctionnelle ist ein altes Recht, das im Rahmen der französischen Gesetzgebung von 1983 eingeführt wurde. Es ermöglicht allen Staatsbediensteten, darunter auch Lehrkräften, staatliche Unterstützung zu erhalten, wenn sie im Dienst bedroht, angegriffen oder verleumdet werden. Dazu zählen physische und psychische Angriffe, Beleidigungen, Verleumdung sowie juristische Unterstützung, falls ein Lehrer aufgrund seiner Arbeit in rechtliche Auseinandersetzungen verwickelt wird.

Die Lehrkraft muss nachweisen, dass sie in Ausübung ihres Berufs angegriffen wurde, und kann dann eine schriftliche Anfrage an die Bildungsbehörde stellen. Doch erst in den letzten Jahren, nach dem Mord an Samuel Paty, wurde dieses Recht stärker genutzt und bekannter. „Früher wussten viele Lehrer nicht einmal, dass sie dieses Recht in Anspruch nehmen können“, sagt Sophie Vénétitay, Generalsekretärin des Lehrerverbands SNES-FSU.

Ein deutlich gestiegenes Bewusstsein

Vor Samuel Patys Ermordung war das System kaum bekannt. Doch nach diesem schockierenden Vorfall, bei dem Paty nach wiederholten Drohungen brutal ermordet wurde, hat sich das Bewusstsein innerhalb der Lehrerschaft deutlich verändert. Die Zahl der Schutzanfragen stieg rapide an: Von 2.218 im Jahr 2020 auf 4.948 im Jahr 2023 – eine Erhöhung von 123 % in nur drei Jahren.

Lehrkräfte, die in Bedrohungssituationen geraten, können heute auf Unterstützung hoffen, sei es durch juristische Beratung oder die Übernahme von Anwaltskosten. Dennoch weisen die Bildungsgewerkschaften darauf hin, dass viele Lehrer, die Anspruch auf diesen Schutz hätten, aus verschiedenen Gründen keine Anträge stellen. Manche sind entmutigt, andere glauben nicht an den Erfolg ihres Antrags oder fürchten, dass die Maßnahmen nicht ausreichend seien.

Unterstützung, die manchmal zu spät kommt

Trotz der gestiegenen Anzahl von Anfragen und dem Versprechen auf Unterstützung gibt es weiterhin erhebliche Probleme bei der Umsetzung. Laut einem Senatsbericht dauert es im Durchschnitt 29 Tage, bis die protection fonctionnelle gewährt wird – eine lange Wartezeit, insbesondere in dringenden Bedrohungssituationen. Dies ist oft ein Hindernis für Lehrer, die schnelle und unmittelbare Hilfe benötigen.

Hinzu kommt, dass die Unterstützung je nach Region sehr unterschiedlich ausfällt. In einigen Akademien sind die entsprechenden Strukturen gut ausgestattet, während sie in anderen weniger effektiv arbeiten. Bruno Bobkiewicz, Generalsekretär des Schulverbands SNPDEN-Unsa, sagt: „Die Unterstützungszentren in den Akademien sind unterschiedlich gut aufgestellt und nicht immer bereit, die erforderliche Arbeit zu leisten.“

Ein Schritt in die richtige Richtung – doch reicht das?

Angesichts der steigenden Zahl von Schutzanfragen hat die neue Bildungsministerin Anne Genetet angekündigt, den Schutz von Lehrkräften weiter zu verbessern. Am 13. Oktober erklärte sie in einem Interview, dass das Bildungsministerium in Zukunft selbst Klage einreichen könnte, wenn Lehrer bedroht werden – ohne dass diese den Schritt selbst gehen müssen. Eine solche Gesetzesänderung könnte Lehrkräften die Last abnehmen und ihnen den Rückhalt geben, den sie brauchen, um in ihrem Beruf sicher zu arbeiten.

Sébastien Vieille, Vertreter des nationalen Lehrerverbands SNALC, begrüßte diesen Vorschlag und sagte: „Alles, was getan wird, um die Kollegen zu schützen, ist eine gute Sache.“

Ein Balanceakt zwischen Bürokratie und Sicherheit

Obwohl das Recht auf protection fonctionnelle existiert und immer häufiger genutzt wird, bleibt die Umsetzung oft hinter den Erwartungen zurück. Lehrer, die in extrem belastenden Situationen arbeiten, brauchen schnelle, konkrete Hilfe – keine Bürokratie. Das gegenwärtige System bietet Unterstützung, doch es ist bei Weitem nicht perfekt. Lehrer und Schulleiter fordern daher weiterhin Verbesserungen.

Die Morde an Samuel Paty und Dominique Bernard haben gezeigt, dass Lehrer an vorderster Front oft einem enormen Druck und einem hohen Risiko ausgesetzt sind. Ihre Arbeit, die untrennbar mit der Vermittlung von Wissen und der Förderung von kritischem Denken verbunden ist, sollte niemals zu einer lebensgefährlichen Aufgabe werden.

Während der Prozess der protection fonctionnelle in den letzten Jahren sichtbare Fortschritte gemacht hat, sind weiterhin große Herausforderungen zu bewältigen. Wenn Lehrkräfte ihren Beruf mit Vertrauen und Sicherheit ausüben sollen, muss das System noch schneller, effizienter und flächendeckender greifen.

Die geplanten Reformen könnten eine neue Ära des Schutzes für Lehrer einleiten – doch es bleibt abzuwarten, ob die Umsetzung so gelingt, wie es die Lehrkräfte erhoffen.

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