Es riecht streng – nach faulen Eiern, nach etwas Chemischem, das in der Nase beißt. Und es sieht aus, als hätte jemand Zitronensaft mit Spülmittel gemischt. Doch was in diesen Tagen aus den Wasserhähnen im Süden von Arras fließt, ist kein Scherz, kein lokaler Rohrbruch, sondern ein ernster Notstand: Sieben kleine Gemeinden im Pas-de-Calais sind seit dem Wochenende vom Trinkwassernetz abgeschnitten. Adinfer, Ayette, Boiry-Saint-Martin, Boiry-Sainte-Rictrude, Foncquevilliers, Hendecourt-lès-Ransart und Monchy-au-Bois – Orte, die kaum einer kennt, stehen nun im Fokus einer regionalen Umweltkrise, die für die betroffenen Menschen alles andere als unsichtbar ist.
Denn wenn das Wasser im Glas plötzlich gelbgrün schimmert, verliert das Vertrauen in den Alltag seinen Halt.
Mehr als hundert Menschen kamen am Montag zu einer Bürgerversammlung, um Antworten zu erhalten. Doch es gibt keine. Nur vage Vermutungen, Untersuchungen und vor allem Ratlosigkeit. Alain Bailleul, der Präsident des regionalen Wasserverbands, bringt es auf den Punkt: „Das Einzige, was wir im Moment sagen können, ist, dass das Wasser nicht trinkbar ist.“ Punkt.
Was hier passiert, ist „spektakulär“, sagt Bailleul – und das ist nicht als Übertreibung gemeint. In seinen 18 Jahren im Amt hat er „so etwas noch nie gesehen“. Der Ursprung des Problems liegt offenbar in einem Brunnen in der Gemeinde Ficheux. Dort wurde am Samstagabend eine Verunreinigung festgestellt. Der Brunnen wurde sofort stillgelegt, die Tanks entleert, die Leitungen gespült. Doch die Ursache – sie bleibt vorerst ein Rätsel.
Was genau die Verschmutzung ausgelöst hat, ist offen. Zwar sei der Brunnen bekannt für erhöhte Nitratwerte, doch weder die Farbe noch der Gestank passen dazu. Am Montag begann die DREAL, die Regionaldirektion für Umwelt und Wohnungsbau, mit Probenanalysen. Ergebnisse werden frühestens Mitte der Woche erwartet. Auch die regionale Gesundheitsbehörde ARS hat Untersuchungen eingeleitet. Bis dahin heißt es für die Bewohner: Kein Trinken, kein Kochen, kein Zähneputzen mit Leitungswasser.
Nicht einmal duschen ist unproblematisch, berichten Bewohner wie Christelle aus Monchy-au-Bois. „Das Wasser riecht so stark, dass man es sogar auf der Haut riecht, wenn man geduscht hat – es ist einfach nur widerlich.“ Als Tagesmutter trägt sie besondere Verantwortung – und greift mittlerweile zu Desinfektionsmittel, um sich die Hände zu waschen.
In den Gemeinden herrscht derweil ein improvisierter Krisenmodus. Die Rathäuser verteilen Wasserflaschen, mal per Tür-zu-Tür-Aktion, mal auf dem Dorfplatz. In Ayette, einem der betroffenen Orte, wurden am Montag zwei Paletten Mineralwasser ausgegeben – rund 180 Pakete. Zu wenig gegen die allgemeine Unsicherheit. Vor allem ältere Bewohner reagieren nervös. Manche berichten, sie hätten das belastete Wasser unwissentlich noch tagelang verwendet. „Aber immerhin sind wir nicht krank“, sagt eine Rentnerin – mit diesem typisch französischen Achselzucken, das nicht über die Sorge hinwegtäuschen kann.
Die Krise trifft nicht nur Menschen, sondern auch Tiere. Pferdehalterin Céline etwa versorgt ihre Tiere momentan mit Wasser vom Nachbarhof, der über einen eigenen Brunnen verfügt. Doch auch sie ist verunsichert: „Was ist, wenn die Tiere Symptome zeigen? Muss ein Tierarzt kommen? Wer zahlt das?“ – Fragen, auf die derzeit niemand eine Antwort hat.
Auch wenn die Behörden betonen, man tue alles, um Klarheit zu schaffen, wächst der Druck in den Gemeinden. Denn die eigentliche Angst ist nicht nur die vor dem Jetzt, sondern vor dem Danach: Selbst wenn das Wasser irgendwann wieder sauber sein sollte – wird es das Vertrauen zurückgewinnen?
Nach der Rückkehr zur Normalität sollen alle Warmwasserspeicher und Leitungen in den Haushalten geleert und gründlich gereinigt werden, erklärt der Bürgermeister von Boiry-Sainte-Rictrude. Denn sonst bleibt die belastete Brühe in den internen Systemen – wie ein ungebetener Gast, der sich festgesetzt hat.
Es sind Momente wie dieser, in denen die Selbstverständlichkeit der Daseinsvorsorge ins Wanken gerät. Wasser – das Elementarste, das Essenziellste – wird plötzlich zur Gefahr. Und die kleinen Gemeinden im französischen Norden erleben, wie fragil ihre Infrastruktur, wie abhängig der Alltag von Dingen ist, die meist im Verborgenen funktionieren.
Bleibt zu hoffen, dass die Proben schnell Aufschluss geben. Und dass diese Episode nicht nur ein Störfall war, sondern ein Weckruf – für mehr Transparenz, mehr Vorsorge und für einen verantwortungsvolleren Umgang mit dem, was man nicht sehen, aber sehr wohl riechen kann.
Von Daniel Ivers