Politik & Gesellschaft

“Giscard am Ruder”: Wie 1974 ein neuer Wahlkampfstil entstand

Eine Franceinfo-Sendung erinnert an den Slogan "Giscard am Ruder". Valéry Giscard d'Estaings Kampagne von 1974 setzte auf persönliche Nähe und eine moderne Bildsprache - und endete mit einem der knappsten Wahlsiege der Fünften Republik.

Paris – 06.08.2026: Eine Sendung von Franceinfo erinnert an die Präsidentschaftskampagne Valéry Giscard d'Estaings von 1974. Ihr Slogan "Giscard am Ruder" stand für einen Wahlkampfstil, der Persönlichkeit, Jugendlichkeit und mediale Wiedererkennbarkeit enger miteinander verband als die staatstragende Sprache der gaullistischen Ära.

Die Kampagne entstand unter außergewöhnlichem Zeitdruck. Nach dem Tod von Staatspräsident Georges Pompidou am 2. April 1974 wurde die Neuwahl für den 5. und 19. Mai angesetzt. Giscard d'Estaing, damals 48 Jahre alt und zuvor Finanzminister, trat für die Unabhängigen Republikaner an. Seine wichtigsten Konkurrenten waren der Gaullist Jacques Chaban-Delmas und der Sozialist François Mitterrand.

Der Wahlspruch setzte auf ein leicht verständliches Bild: Der Kandidat erschien als handlungsfähiger Steuermann des Landes. Zugleich löste sich die Kampagne bewusst von den feierlichen Inszenierungen der frühen Fünften Republik. Unterstützer trugen den Slogan auf T-Shirts, Angehörige der Familie waren auf Wahlplakaten zu sehen, und öffentliche Auftritte sollten unmittelbare Nähe zu den Wählern vermitteln.

Aufnahmen des Institut national de l'audiovisuel dokumentieren diese Inszenierung bei einem Auftritt in Charenton am 4. Mai 1974. Anhänger skandierten dort den Slogan, während Giscard d'Estaing eine Erneuerung und Verjüngung der französischen Politik versprach. Die Formel verband damit zwei politische Absichten: die Abgrenzung von der überkommenen gaullistischen Staatsrepräsentation und die Ansprache eines zentristischen, modernisierungsorientierten Elektorats.

Der Erfolg war zunächst keineswegs sicher. Im ersten Wahlgang erhielt Mitterrand 43,25 Prozent der gültigen Stimmen, Giscard d'Estaing 32,60 Prozent und Chaban-Delmas 15,11 Prozent. In der Stichwahl am 19. Mai gewann Giscard d'Estaing mit 13.396.203 Stimmen und einem Anteil von 50,81 Prozent. Mitterrand erreichte 12.971.604 Stimmen oder 49,19 Prozent. Zwischen beiden Kandidaten lagen damit lediglich 424.599 Stimmen.

Die Wahl bedeutete keine Auflösung der politischen Lager, wohl aber einen Wandel ihrer öffentlichen Darstellung. Giscard d'Estaing präsentierte sich weniger als Verkörperung einer historischen Staatsidee denn als persönlicher Träger von Reformversprechen. Zu den ersten Entscheidungen seiner Präsidentschaft gehörte im Juli 1974 die Senkung des Wahlalters von 21 auf 18 Jahre. Nach Angaben der Fondation Valéry Giscard d'Estaing erhielten dadurch 2,4 Millionen junge Menschen das Wahlrecht.

Die Rückschau ist Teil einer Franceinfo-Reihe über die Slogans früherer Präsidentschaftswahlen, die auf die Wahl von 2027 vorausblickt. Seit der ersten Direktwahl des französischen Staatspräsidenten im Jahr 1965 konkurrieren dabei Programme ebenso wie Persönlichkeiten, Bilder und Formen öffentlicher Nähe. Giscard d'Estaing trat sein Amt am 27. Mai 1974 an.

Quellen

  • Franceinfo
  • Élysée – Verkündung des Ergebnisses vom 19. Mai 1974
  • Französisches Innenministerium
  • Institut national de l'audiovisuel
  • Fondation Valéry Giscard d'Estaing

Artikel mit Hilfe künstlicher Intelligenz erstellt (Transparenzhinweis im Sinne von Artikel 50 der Verordnung (EU) 2024/1689 – EU AI Act).