Wenn Worte zu Waffen werden, braucht es jemanden, der sie mit Herzblut führt. In „Gisèle Halimi – une farouche liberté“ auf der Bühne der Scala Paris geschieht genau das: Die Erinnerung an eine der bedeutendsten Stimmen des französischen Feminismus erwacht zu neuem Leben. Und das mit einer Wucht, die Gänsehaut erzeugt.
Marie-Christine Barrault, 81 Jahre alt, steht in dieser Rolle nicht nur auf der Bühne – sie verkörpert. Unterstützt von Hinda Abdelaoui gelingt ihr ein Schauspiel, das weit über das Übliche hinausgeht. Gemeinsam schlüpfen die beiden Darstellerinnen in die vielen Gesichter Gisèle Halimis: das rebellische Mädchen aus Tunesien, die scharfzüngige Anwältin, die leidenschaftliche Kämpferin für Frauenrechte, die Mutter – und die Frau, die liebte. Dabei wird nichts beschönigt. Keine Facette ausgespart. Und genau das macht den Zauber dieses Stücks aus.
Die Inszenierung von Léna Paugam stützt sich auf das Buch „Une farouche liberté“, ein Gesprächsband zwischen Halimi und der Journalistin Annick Cojean. Was daraus entsteht, ist weit mehr als ein bloßes Bühnenstück – es ist ein mitreißendes Zeitdokument.
Eine Bühne, die bebt
Es ist schon bemerkenswert: Ein Leben, das sich über sieben Jahrzehnte erstreckt, passt in knapp zwei Stunden Theater. Aber wie! Das Publikum wird Zeuge von Prozessen, die Geschichte schrieben – wie dem von Djamila Boupacha, einer jungen Algerierin, die von französischen Soldaten gefoltert wurde. Oder der Fall von Marie-Claire, einem jungen Mädchen, das 1972 wegen Abtreibung vor Gericht stand. Halimi verteidigte sie – und stellte damit das französische Strafrecht infrage.
Diese Momente werden auf der Bühne nicht nur nacherzählt – sie werden durchlebt. Es kracht, es hallt, es bleibt still. Manchmal sagt ein Blick mehr als ein Monolog. Und genau dann spürt man, wie sehr das Theater hier zu einem politischen Raum wird.
Barrault: Kein bisschen leise
Marie-Christine Barrault lässt keinen Zweifel daran, warum sie seit Jahrzehnten zu den großen Namen des französischen Theaters gehört. Ihre Darstellung ist eindrucksvoll – nicht laut, sondern durchdringend. Da sitzt jedes Wort. Wenn sie leise spricht, ist es, als würde der ganze Saal den Atem anhalten.
Und Hinda Abdelaoui? Eine Entdeckung. Ihre Energie, ihre Wandelbarkeit – ein perfekter Gegenpol zu Barraults Reife. Zusammen bilden sie ein Duo, das sich gegenseitig trägt und beflügelt.
Feminismus ohne Pathos
Das Stück hätte leicht ins Pathetische abdriften können. Tut es aber nicht. Stattdessen bleibt es nah an der Realität – unbequem, inspirierend, provokant. Gisèle Halimi war keine Heilige. Sie war wütend, kämpferisch, manchmal stur. Aber sie war authentisch. Genau das transportiert dieses Stück mit großer Ehrlichkeit.
Der Text selbst – ein Mosaik aus Zitaten, Erinnerungen, Briefen – wirkt wie ein Spiegel der Zeit. Man wird hineingezogen, fast schon verschlungen, von einer Geschichte, die uns allen etwas sagt. Denn sind wir nicht alle ein bisschen Halimi, wenn wir gegen Ungerechtigkeit aufbegehren?
Eine Geschichtsstunde, die unter die Haut geht
Wäre dieser Abend ein Schulbuch, man würde ihn verschlingen. Denn wer war Gisèle Halimi wirklich? Eine Frau, die mit 10 Jahren in Tunesien den ersten Hungerstreik ihres Lebens anzettelte – weil sie nicht einsehen wollte, warum sie mehr Hausarbeit machen sollte als ihre Brüder. Eine Anwältin, die ihr Plädoyer nutzte, um Gesetze zu kippen. Eine Stimme, die niemals schwieg, egal, wie hoch der Preis war.
Das Stück endet nicht mit Pathos, sondern mit einem Echo. Einem Nachklang, der weit über den Theatersaal hinausreicht.
Praktisches zur Aufführung
Noch bis zum 31. Mai 2025 ist „Gisèle Halimi – une farouche liberté“ in der Scala Paris zu sehen. Die Aufführungen finden von Dienstag bis Samstag zu wechselnden Zeiten statt. Tickets gibt es bereits ab 12 Euro – ein Preis, der angesichts der künstlerischen und gesellschaftlichen Wucht dieses Abends fast schon symbolisch wirkt.
Von C. Hatty