Seit dem 1. September 2026 fahren ältere Einwohner der Metropole Nice Côte d’Azur nahezu kostenlos mit Bus und Straßenbahn. Wer mindestens 65 Jahre alt ist und in einer der Gemeinden des Großraums lebt, darf das gesamte Netz von Lignes d’Azur nutzen – unabhängig von Einkommen und Vermögen.
Ganz zum Nulltarif gibt es die Mobilität allerdings nicht. Einmalig fallen 15 Euro für das Abonnement an. Je nach Beantragung kommen zwei Euro für die Karte sowie bei einer Online-Bestellung 2,80 Euro Versandkosten hinzu.
Politisch steckt hinter dem vermeintlich simplen Fahrschein eine deutlich größere Geschichte.
Die kostenlose Nutzung des Nahverkehrs gehörte zu den Wahlversprechen von Éric Ciotti. Pikant daran: Auch sein politischer Gegner Christian Estrosi hatte sich im Wahlkampf für kostenlose Fahrten älterer Menschen ausgesprochen. Der Grundsatz war somit weniger umstritten als die Frage, wem die öffentliche Hand diese Vergünstigung gewähren sollte.
Bislang profitierten unter anderem nicht steuerpflichtige Menschen über 65 Jahren von kostenlosen Fahrten. Nun genügt das Geburtsdatum.
Die Nachfrage zeigt, wie attraktiv das Angebot ist. Bereits zum Start sollen rund 24.000 Abonnements abgeschlossen worden sein, nachdem die Anmeldung am 10. Juli begonnen hatte. Ciotti spricht von einer Maßnahme für die Kaufkraft und von „generationeller Solidarität“.
Doch Solidarität kostet.
Die neue Mehrheit beziffert die jährlichen Mindereinnahmen auf rund 5,7 Millionen Euro. Estrosi hatte zuvor mit etwa 4,6 Millionen Euro gerechnet. Für einen großen Kommunalhaushalt bedeutet diese Summe keine finanzielle Zeitenwende, doch sie fällt jedes Jahr erneut an.
Genau hier setzt die Kritik von Linken und Grünen an. Warum, so ihre Frage, soll ein wohlhabender Ruheständler allein aufgrund seines Alters kostenlos Straßenbahn fahren, während Studenten, junge Arbeitnehmer oder Familien mit schmalem Einkommen weiterhin bezahlen?
Oppositionspolitikerin Juliette Chesnel-Le Roux spricht deshalb von einem „Wahlgeschenk“. Statt einer pauschalen Altersgrenze solle öffentliche Unterstützung stärker jenen zugutekommen, die finanziell tatsächlich darauf angewiesen seien.
Der Vorwurf besitzt in Nizza besondere politische Sprengkraft. Rund 100.000 Einwohner der Metropole sollen älter als 65 Jahre sein. Senioren bilden damit nicht nur eine bedeutende Bevölkerungsgruppe, sondern auch eine gewichtige Wählerschaft.
Allerdings wäre es zu einfach, sämtliche Ruheständler an der Côte d’Azur gedanklich auf die Terrasse einer Villa mit Meerblick zu setzen. Viele ältere Menschen leben von bescheidenen Renten und spüren steigende Lebenshaltungskosten ebenso deutlich wie jüngere Generationen.
Kostenloser Nahverkehr besitzt zudem eine soziale Wirkung, die über ein paar gesparte Euro hinausgeht. Arztbesuche, Einkäufe, Kulturveranstaltungen oder Treffen mit Freunden lassen sich leichter organisieren. Gerade im Alter bedeutet Mobilität oft gesellschaftliche Teilhabe. Gleichzeitig steigt der Anreiz, das Auto stehenzulassen und Bus oder Tram zu nehmen.
Der eigentliche Streit dreht sich deshalb um eine grundsätzliche Frage französischer Sozialpolitik: Soll der Staat nach Alter oder nach Bedürftigkeit unterstützen?
Ein Arbeitnehmer mit niedrigem Einkommen bezahlt mit 64 Jahren sein Ticket. Ein vermögender Rentner fährt einen Geburtstag später gratis. Das wirkt auf den ersten Blick schräg. Andererseits besitzt die pauschale Altersgrenze einen entscheidenden Vorteil: Sie ist unkompliziert, verständlich und kommt ohne bürokratischen Papierkrieg aus.
So steckt hinter dem kostenlosen Fahrschein von Nizza eine Debatte, die weit über die Côte d’Azur hinausreicht. In einer alternden Gesellschaft müssen Städte zunehmend entscheiden, wie viel generationelle Unterstützung sinnvoll und finanzierbar bleibt – und wo soziale Fürsorge womöglich in politische Klientelpflege übergeht.
Daniel Ivers