Es gibt Gestalten, die nie ganz verschwinden. Sie tauchen ab in die Schatten der Geschichte, flackern in Märchen und Mythen – und treten, manchmal, mit neuer Kraft wieder hervor. Die Hexe ist so eine. Lange war sie das Sinnbild des Bösen, des Hässlichen, der Gefahr. Jetzt steht sie, im Herzen der Bretagne, auf einer anderen Bühne: als kluge Frau, als Wissende, als Freigeist.
Das Musée de Pont-Aven widmet ihr bis zum 16. November 2025 eine große Ausstellung: Sorcières (1860–1920) – fantasmes, savoirs, liberté. Über 200 Werke, vom Museum d’Orsay mitkuratiert, zeichnen ein Bild, das mehr ist als Magie und Mythos – es ist ein kulturelles und politisches Porträt.
Vom Schreckgespenst zur Naturweisen
Der Wendepunkt kam 1862, mit Jules Michelets Buch La Sorcière. Hier taucht die Hexe nicht mehr als bucklige Giftmischerin auf, sondern als Frau mit Wissen, in Einklang mit der Natur – verfolgt nicht wegen dunkler Künste, sondern weil sie sich nicht beugen will. Ein radikaler Gedanke, der nachklingt bis in die ersten Strömungen des Ökofeminismus.
Diese Lesart verändert alles. Plötzlich ist die Hexe nicht mehr nur das fremde Andere, sondern auch eine Projektionsfläche für Sehnsucht nach Freiheit, Selbstbestimmung und Verbindung zur Erde.
Drei Wege ins Reich der Hexen
Die Ausstellung nimmt die Besucherinnen und Besucher mit auf eine Reise in drei Akten:
- Die Nacht – Bühne des Geheimen, von Vollmondszenen bis zu düsteren Hexensabbaten.
- Der Körper – Objekt der Begierde oder Symbol der Angst, zwischen erotisierter Verführung und greiser Dämonisierung.
- Das Wissen – Heilkräuter, Zauberformeln, altes Erfahrungswissen, das in einer patriarchalen Gesellschaft verdächtig wirkt.
Zu sehen sind Werke von Evelyn De Morgan, Eugène Grasset, Paul-Élie Ranson, Edward Burne-Jones und vielen anderen. Mal verführerisch bunt, mal symbolistisch verschlüsselt – immer aber mit einer Spur von Ambivalenz.
Zwischen Faszination und Furcht
Kaum eine Figur schwankt so zwischen Anziehung und Abscheu wie die Hexe. In einer Männerwelt ist sie das Sinnbild weiblicher Selbstständigkeit – und genau das macht sie gefährlich. So changieren die Bilder zwischen verführerischer Magie und abschreckendem Mahnmal.
Und doch bleibt sie in vielen Darstellungen eine Wissende. Sie kennt Heilpflanzen, versteht den Lauf der Sterne, liest Zeichen, die anderen verborgen bleiben. Sie ist Mittlerin zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem.
Die Hexe im Hier und Jetzt
Das Musée de Pont-Aven beschränkt sich nicht aufs Historische. Zeitgenössische Künstlerinnen stellen ihre eigenen Hexenbilder daneben – feministisch, ökologisch, oft provozierend. Das ergibt einen Dialog über Macht, Geschlechterrollen und die Frage: Wer bestimmt eigentlich, was „Bedrohung“ ist?
Diese Gegenüberstellung lässt spüren, dass die Hexe kein Museumsstück ist. Sie lebt als Symbol weiter – in politischen Debatten, in Umweltbewegungen, in Popkultur.
Praktische Infos für Neugierige
- Zeitraum: 7. Juni – 16. November 2025
- Ort: Musée de Pont-Aven, Place Julia, 29930 Pont-Aven
- Katalog: 35 €, erhältlich im Museumsshop
- Extra: Begleitende Podcasts von France Culture
Warum hingehen?
Weil diese Ausstellung nicht nur Kunst zeigt, sondern auch erzählt, wie sich ein Bild wandeln kann. Vom Feindbild zur Inspirationsquelle, vom Objekt der Angst zur Ikone des Widerstands.
Vielleicht verlässt man das Museum mit einer Frage im Kopf: Wenn Hexen früher verfolgt wurden, weil sie wussten, was andere nicht wissen sollten – wen sehen wir heute mit denselben Augen?
Autor: C.H.