Der Schock sitzt tief in Nizza. Am frühen Mittwochabend, es ist kurz nach 18 Uhr, herrscht auf der Avenue Henri Matisse dichter Verkehr. Pendler, Rückkehrer vom Flughafen, Menschen mit Einkaufstaschen. Dann fallen Schüsse. Mehrere. Sekunden, die das gewohnte Stadtgeräusch zerreißen und eine Szene hinterlassen, die selbst erfahrene Polizisten sprachlos macht.
Am Steuer eines Autos sitzt eine junge Frau, Anfang zwanzig. Neben ihr, angeschnallt im Kindersitz, ihr sechs Monate altes Baby. Zwei Männer auf einem Motorroller nähern sich dem Wagen, ziehen eine Faustfeuerwaffe und feuern aus nächster Nähe. Die Frau wird tödlich getroffen. Sie stirbt, noch bevor die ersten Helfer eintreffen. Für sie kommt jede Hilfe zu spät.
Dass ihr Kind überlebt, grenzt an ein Wunder. Augenzeugen berichten später, die Mutter habe sich im Moment der Schüsse instinktiv über ihr Baby geworfen, als wolle sie es mit ihrem Körper abschirmen. Kugeln treffen sie, nicht das Kind. Ein Bild, das sich einbrennt. Eine junge Mutter, die im letzten Augenblick nur noch eines kennt: schützen. Koste es, was es wolle.
Der Tatort liegt in einem belebten Teil der westlichen Stadt, unweit des Flughafens. Blaulicht taucht die Fassaden in kalt flackerndes Licht, der Verkehr kommt zum Erliegen. Passanten stehen fassungslos, manche mit dem Handy in der Hand, andere mit Tränen in den Augen. „Das vergisst man nicht mehr“, sagt ein Mann leise, der wenige Meter entfernt in seinem Auto saß. Mehr bringt er nicht heraus.
Die Angreifer fliehen auf ihrem Roller, lassen ihn später ohne Kennzeichen irgendwo im Stadtgebiet zurück. Eine Spur? Vielleicht. Ein Durchbruch? Noch nicht. Die Polizei ermittelt wegen Mordes. Die Sonderermittler der Kriminalpolizei durchkämmen Überwachungsvideos, befragen Zeugen, rekonstruieren Minuten, Sekunden, Bewegungen. Das Motiv bleibt offen. War es ein gezielter Angriff? Ein Verbrechen im Milieu? Oder ein persönliches Drama mit dunkler Vorgeschichte? Nichts davon bestätigt, alles denkbar.
Sicher ist nur: Die Getötete wurde 2002 geboren. Ein Leben, das gerade erst begonnen hatte. Freunde und Nachbarn beschreiben sie als unauffällig, freundlich, ganz auf ihr Kind konzentriert. Keine bekannte Vorgeschichte, keine offenen Drohungen. Genau das nährt die Angst. Wenn es sie treffen kann, wen dann nicht?
Der Bürgermeister von Nizza, Christian Estrosi, reagiert schnell und ungewöhnlich emotional. Er spricht von Wut, von Trauer, von einer Tat, die die Stadt ins Mark treffe. Die Kommune, so verspricht er, werde alle Kräfte mobilisieren, um die Täter zu finden. Worte, die man kennt – und die diesmal schwerer wiegen als sonst.
Denn der Vorfall fällt in eine Zeit, in der die Debatte über Sicherheit ohnehin aufgeladen ist. Schusswaffen, Drogenhandel, Abrechnungen am helllichten Tag. Frankreich diskutiert seit Jahren darüber, wie viel Gewalt der öffentliche Raum noch erträgt. Nizza, selbst geprägt von früheren Traumata, kennt diese Diskussion nur zu gut. Und trotzdem fühlt sich dieser Mord anders an. Näher. Intimer. Unerträglicher.
In den sozialen Netzwerken überschlagen sich die Reaktionen. Entsetzen, Mitgefühl, Forderungen nach härteren Maßnahmen. Aber auch mahnende Stimmen, die vor schnellen Schuldzuweisungen warnen. Die Ermittlungen stehen am Anfang, heißt es. Die Wahrheit liegt irgendwo zwischen Patronenhülsen und Zeugenaussagen. Geduld ist gefragt. Ein rares Gut in Momenten wie diesen.
Am Tag danach liegt eine seltsame Stille über dem Viertel. Menschen bleiben stehen, blicken auf die Stelle, an der das Auto stand. Blumen tauchen auf, Stofftiere, Kerzen. Eine improvisierte Gedenkstätte. Niemand kennt den richtigen Ton, niemand weiß, was man sagen soll. Vielleicht gibt es auch nichts zu sagen.
Die Geschichte dieser Tat lässt sich nicht in Statistiken auflösen. Sie ist kein abstrakter Fall von Kriminalität. Sie ist das Ende eines jungen Lebens und der Anfang eines Kinderlebens, das nun ohne Mutter aufwachsen muss. Ein Baby, das nichts von alledem begreift – und doch für immer Teil dieser Geschichte bleibt.
Für die Ermittler beginnt nun die mühsame Arbeit. Jede Kamera, jedes Handyvideo, jede noch so kleine Beobachtung zählt. Die Hoffnung ruht darauf, dass irgendwer etwas gesehen hat, das den entscheidenden Hinweis liefert. Ein Kennzeichen, ein Gesicht, ein Moment der Unachtsamkeit der Täter. So funktionieren Aufklärungen. Schritt für Schritt. Zentimeter für Zentimeter.
Und während die Justiz ihren Weg geht, bleibt eine Stadt zurück, die einmal mehr mit der Frage ringt, wie sicher sie ist. Nizza, das Licht der Côte d’Azur, sonnig, offen, lebendig – und doch immer wieder Schauplatz von Gewalt, die niemand kommen sieht. Man steht da und denkt: Das darf doch alles nicht wahr sein. Aber es ist wahr. Bitter wahr.
Am Ende bleibt das Bild einer Mutter, die im entscheidenden Augenblick alles richtig machte und trotzdem alles verlor. Ein Opfer, das mehr erzählt als tausend Debatten über Sicherheit. Es erzählt von Liebe, von Instinkt, von einem letzten, verzweifelten Schutz. Und davon, wie dünn die Linie ist zwischen Alltag und Abgrund.
Von C. Hatty