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„Ich halte das nicht mehr aus“ – Wie junge Menschen in Frankreich unter ihrer seelischen Last zusammenbrechen

Ein Satz, den französische Schulpsychologen, Lehrkräfte und Eltern immer öfter hören. Und der doch oft ungehört verhallt. Denn was sich derzeit unter der Oberfläche des französischen Jugendalltags zusammenbraut, ist weit mehr als ein pubertäres Tief oder ein Anflug von Weltschmerz. Es ist eine stille Krise, tiefgreifend, strukturell – und gefährlich. Rund ein Viertel der 15-…

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Ein Satz, den französische Schulpsychologen, Lehrkräfte und Eltern immer öfter hören. Und der doch oft ungehört verhallt. Denn was sich derzeit unter der Oberfläche des französischen Jugendalltags zusammenbraut, ist weit mehr als ein pubertäres Tief oder ein Anflug von Weltschmerz. Es ist eine stille Krise, tiefgreifend, strukturell – und gefährlich.

Rund ein Viertel der 15- bis 29-Jährigen in Frankreich zeigt Symptome, die auf eine Depression hindeuten könnten. So lautet das nüchterne Ergebnis einer aktuellen Erhebung der Mutualité Française. Ein Drittel der 11- bis 24-Jährigen leidet unter Anzeichen von Angst oder depressiven Verstimmungen. Und: Fast eine Million junger Menschen in Frankreich haben im vergangenen Jahr Psychopharmaka verschrieben bekommen. Ein Zuwachs von 18 Prozent im Vergleich zu 2019.

Diese Zahlen erschrecken. Aber sie überraschen kaum noch.

Denn schon seit Jahren verdichten sich die Hinweise, dass die seelische Gesundheit der jungen Generation dramatisch bröckelt – quer durch alle Schulformen, Regionen und sozialen Milieus. Ob in der Vorstadt von Marseille, im Pariser Lycée oder auf dem Land: Die psychosoziale Belastung junger Menschen wächst – und mit ihr das Risiko, den Halt zu verlieren.

Ein nächtlicher Blick aufs Handy statt Schlaf. Eine Welle von Vergleichen, Likes, Kommentaren. Ein permanenter Strom aus Krisenmeldungen, Klimawandel, Kriegen, Leistungsdruck. Und dazwischen: die eigene Suche nach Identität, Zugehörigkeit, Richtung.

Jugend ist immer ein fragiler Zustand gewesen. Aber selten war sie so fragil wie heute.

Die Pubertät und das frühe Erwachsenenalter sind ohnehin Phasen voller Umbrüche: Körperliche Veränderungen, Unsicherheiten in der Selbstwahrnehmung, erste Schritte in eine Welt, die wenig Rücksicht nimmt. Hinzu kommt der Schulstress – ein „kritischer Faktor“, wie es nüchtern in Regierungsdokumenten heißt. Und der hat sich, mit Reformen und einem allgegenwärtigen Selektionsdruck, nicht gerade entschärft.

Doch die Ursachen liegen tiefer.

Eine zentrale Rolle spielt die digitale Dauervernetzung. Studien belegen: Der exzessive Konsum von sozialen Netzwerken korreliert mit gestörtem Schlaf, erhöhter Reizbarkeit, wachsender Nervosität. Besonders bei Mädchen verstärken sich diese Effekte – etwa durch ständige Vergleiche, digitale Mobbing-Erfahrungen oder sexualisierte Kommentare.

Und dann ist da noch diese Welt draußen – verunsichert durch Krieg und Pandemie, wirtschaftlich instabil, ökologisch in der Schieflage. Eine Welt, die nicht gerade Zuversicht versprüht. Wer jung ist in Frankreich heute, spürt die Dissonanz zwischen dem, was gefordert wird, und dem, was möglich scheint. Studium? Arbeit? Wohnung? Klima retten? Zukunft?

Kein Wunder, dass sich viele überfordert fühlen.

Doch so alarmierend die Zahlen auch sind: Sie verlangen nach Einordnung. Denn nicht jedes Unwohlsein ist gleich eine Depression. Nicht jede Panik ein pathologisches Symptom. Und nicht jeder junge Mensch mit Schlafproblemen braucht ein Rezept.

Mehrere Psychiaterinnen und Psychiater warnen davor, die Begrifflichkeiten zu vermischen. So verlockend einfache Erklärungen auch sein mögen: Der Fragebogen PHQ-9 etwa – häufig genutzt in Umfragen zu Depressionen – identifiziert Symptome, nicht Diagnosen. Wer darin Punkte sammelt, ist nicht automatisch psychisch krank.

Eine vorschnelle Medikalisierung seelischen Unbehagens – ohne den Blick auf Ursachen wie Armut, Ausgrenzung, Bildungsdruck oder Einsamkeit – kann mehr schaden als helfen.

Heißt das, man soll wegsehen?

Ganz im Gegenteil.

Denn der Leidensdruck ist real – und oft langanhaltend. Körperliche Beschwerden, Nervosität, Gereiztheit, innere Leere: Das berichten viele Betroffene. Und sie sind oft allein damit. Der Zugang zu psychologischer Hilfe bleibt schwierig. Wartezeiten, Kosten, Scham – alles Hürden, die junge Menschen selten ohne Hilfe überwinden. Wer es dennoch schafft, trifft nicht selten auf überlastete Praxen oder unzureichend geschulte Fachkräfte.

Doch etwas bewegt sich.

2025 hat die französische Regierung die mentale Gesundheit zur „Grande Cause nationale“ erklärt. Ein symbolischer Schritt – aber mehr als nur ein Slogan. Landesweit entstehen Anlaufstellen, etwa die „Maisons des adolescents“, in denen Jugendliche kostenlos und anonym über ihre Probleme sprechen können. Es gibt neue Aufklärungsformate in Schulen, digitale Hilfsangebote, Programme zur Suizidprävention.

Auch Lehrerinnen und Lehrer werden zunehmend sensibilisiert. Denn sie sind oft die Ersten, die Veränderungen bemerken. Manche Schulen holen sich heute psychologische Fachkräfte direkt ins Haus. Andere kooperieren mit regionalen Gesundheitsdiensten. Der Fokus liegt auf Prävention, nicht nur auf Intervention.

Aber reicht das?

Noch nicht. Die Zahl der Psychologinnen und Psychologen in Ausbildung steigt zwar – aber der Bedarf übertrifft das Angebot bei weitem. Und auch die soziale Dimension des Problems bleibt vielerorts unbeachtet: Die ungleiche Verteilung psychischer Belastungen etwa, je nach Wohnort, Herkunft oder Bildungschancen. Wer aus einem armen Viertel stammt, kämpft nicht nur mit den eigenen Dämonen – sondern auch mit einem System, das wenig auffängt.

Am Ende steht eine einfache Erkenntnis:

Was junge Menschen heute brauchen, ist kein schneller Trost. Sondern eine Gesellschaft, die ihnen zuhört, ihnen Zeit gibt, ihnen Räume schafft. Die sie nicht nur fordert, sondern fördert. Die sie nicht nur als Humankapital begreift, sondern als Menschen – verletzlich, wertvoll, einzigartig.

Denn hinter jeder Zahl in einer Statistik steckt ein Gesicht. Ein Leben. Eine Hoffnung, die nicht zerschellen darf an zu hohen Erwartungen oder zu wenig Hilfe.

Vielleicht ist genau das die wahre Aufgabe dieses Jahrzehnts: Der Jugend wieder Vertrauen zu geben – in sich selbst, in die Zukunft, in uns.

Autor: C.H.

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